16.06.2020

Deutschland, Digitalland?!

Digitalisierung allein reicht nicht

Heike Gündling, CEO, 21st Real Estate GmbH
Heike Gündling

Noch sind mit dem Megatrend Digitalisierung hierzulande zu viele falsche Assoziationen verbunden. Und immer noch gibt es zu viele rein kosmetische Maßnahmen. Was wirklich effektiv ist, sind vollständig digitale Prozesse. Unternehmen sollten zu Beginn einen einzelnen Geschäftsprozess auswählen – gleichsam als Blaupause für einen rundum digitalen Workflow.

Es würde wohl niemand in der deutschen Wirtschaft behaupten, dass Digitalisierung für ihn keine Rolle spielt. Doch der privat weitgefächerten Digitalität der deutschen Bevölkerung stehen Fakten entgegen, die immer noch aufseufzen lassen. Beispielsweise der Glasfaserausbau als Garant für schnelle Internetverbindungen. Im vergangenen Jahr betrug der deutsche Anteil der Glasfaseranschlüsse nach Angaben der OECD 3,6 Prozent aller Festnetzanschlüsse. Zum Vergleich: In Spanien liegt der Anteil bei 62,5 Prozent, in Südkorea sogar bei 81,7 Prozent. Ein anderes Beispiel ist die Versorgung mit öffentlichem WLAN. Bereits vor sechs Jahren verfügten unsere französischen Nachbarn laut einer Studie des britischen Internetanbieters ipass über 13,1 Millionen öffentliche Hotspots. Heute werden es rund 20 Millionen sein, davon der größte relative Anteil in der Hauptstadt Paris. Und Deutschland? Die Bundeshauptstadt rühmte sich zum Jahresende 2019, dass das Landesprogramm „Free Wifi Berlin“ bis Ende 2021 die Zahl von 7.000 öffentlichen Hotspots erreichen wird. Nun mag der ein oder andere einwenden, dass wir doch seit drei Jahren auf Bundesebene eine eigene Staatsministerin für Digitalisierung haben. Bei der Suche nach ihrer Tätigkeit stößt man jedoch leider nur auf ihren Lebenslauf. Die Google-Suche verweist größtenteils auf das bayerische Digitalministerium. Derweilen treibt die Sorge durchs Land, dass wir angesichts der effizient genutzten Datenmassen in den USA und China unseren Wohlstand in Europa sehenden Auges aufs Spiel setzen.

Diese Punkte sollen alles andere als ein typisch deutsches Lamento sein. Gleichwohl sind sie Spiegelbild für den digitalen Status Quo unserer Wirtschaft. Zwar gibt es einige, digital bestens aufgestellte Unternehmen – auch in der Immobilienwirtschaft. Indizien hierfür liefern beispielsweise der Zukauf von Startups oder die Ernennung eines Chief Digital Officer (CDO). Laut PwC hatten im Jahr 2019 immerhin 48 Prozent der börsennotierten deutschen Unternehmen einen solchen Posten kreiert. In Frankreich sind es allerdings schon 66 Prozent. Wenn ein CDO zudem nicht zur Geschäftsführung gehört oder nicht die volle Rückendeckung derselben genießt, dann bleibt die Etablierung digitaler Prozesse weiterhin eine Sisyphusarbeit – am Ende rollt der mühsam hochgezogene Stein der Digitalisierung im Sauseschritt wieder nach unten. Innovation (und darunter darf eben nicht nur Technologie verstanden werden), ist vor allem ein Dauerprozess, der permanent und perpetuierend stattfinden muss. Innovationsmanagement muss integraler Bestandteil der Unternehmensorganisation und damit in der Lage sein, auch kurzfristig jederzeit das Unternehmen in neue Fahrwasser zu begleiten. Die aktuelle Krise zeigt nur allzu deutlich, dass wieder einmal das Dach erst repariert wird, wenn es regnet.

Digitale Prozesse statt Digitalisierung
Es ist begrüßenswert, dass die konkrete Vokabel des digitalen Prozesses nach und nach an Popularität gewinnt. Erst hier ist ein klarer Praxisbezug gegeben, der beim schwammigen Begriff Digitalisierung häufig noch fehlt. Die gelungene digitale Gestaltung eines vollständigen Geschäftsprozesses ist als Startpunkt und Blaupause geeignet, um darauf aufbauend weitere Prozesse im Unternehmen in den digitalen Fokus zu nehmen. Das Rechnungswesen bietet ein Beispiel hierfür. Rechnungen als standardisierte und massenhaft vorkommende Dokumente werden eingelesen, richtig benannt und automatisch dem passenden Vorgang zugeordnet – dank Machine Learning. Am Ende steht ein fertiger Kontierungsvorschlag. Durch Schnittstellen mit der jeweiligen ERP im Unternehmen als Buchungsplattform bedarf es nur noch der Bestätigung per Knopfdruck für den Zahlungsvorgang. Hier werden also systematisch Daten aus elektronisch vorliegenden Rechnungen ausgelesen und miteinander verknüpft. Es kann nicht häufig genug gesagt werden: Digitalisierung ist nicht die Überführung analoger in digitale Dokumente – durch Scan und Ablage in einer Cloud. Digitale Prozesse beginnen erst dann, wenn die Inhalte dieser Dokumente nutzbar gemacht werden für andere Geschäftsvorgänge. Die daraus resultierenden Einsparungen und Einblicke setzen Kräfte für weitere Innovationen frei und werden somit zum Sprungbrett für gewachsene Kundenzufriedenheit und höhere Renditen.

Wie wir alle wissen, ist die Triebfeder für Machine Learning die Menge an Trainingsdaten. Die bekannten US-Konzerne haben durch ein sehr ausgeklügeltes Geschäftsmodell und kundenfreundliche Produkte diese Daten in hoher Zahl generieren und gewinnbringend nutzen können. Deutschland dagegen steckt sowohl bei der Kundenfokussierung als auch beim Datenaustausch noch in den Kinderschuhen. Es fehlt hierzulande der Gedanke, dass eine gewisse Datentransparenz zwangsläufig zur höheren Produktqualität führt. Nun kann der Weisheit letzter Schluss nicht der deutsche digitale Großkonzern sein, der den Wettbewerb durch eine marktbeherrschende Stellung unterdrückt. Umso erfreulicher ist die auch in der Immobilienbranche gewachsene Bereitschaft zu Kooperationen – zwischen digitalen Dienstleistern untereinander wie auch zwischen ihnen und den etablierten Immobilienunternehmen. Kooperationen befördern die dringend benötigten Datenstandards, liefern Synergieeffekte zwischen unterschiedlichen Geschäftsmodellen und schaffen dank größerer Datenbasis umso effizientere Produkte. Auf diesem Wege entstehen digitale Plattformen mit hoher Annahme im Markt, die unsere weiterhin starke Abhängigkeit von nicht-europäischen Lösungen reduzieren. Es ist begrüßenswert, dass die EU-Kommission unter der Führung von Ursula von der Leyen dies genauso sieht und bereits mittelfristig die von ihr postulierte „technologische Souveränität“ anstrebt. Die deutsche Immobilienwirtschaft kann durch bereits bestehende Initiativen wie der gif-Datenraumrichtlinie einen gewichtigen Beitrag dazu leisten. Es ist nicht zu spät, unsere Branche zu einem digitalen Spitzenreiter zu machen.

Die Nutzungsrechte wurden The Property Post zur Verfügung gestellt von Eucon Digital GmbH
Erstveröffentlichung: Erstveröffentlichung blackprint Booster vom 3.6.2020

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