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Der Neue im Amt

Sebastian Scheel spricht über Baukapazitäten, Corona-Effekte, private Investoren und das „Berliner Modell“

Sebastian Scheel, Senator, Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Wohnen Berlin
Sebastian Scheel

Sebastian Scheel, Berlins frisch gebackener Bausenator, gab The Property Post (TPP) am Rande einer Neubau-Tour ein erstes Interview über Baukapazitäten, Corona-Effekte, private Investoren und das „Berliner Modell“

Sebastian Scheel wurde am 20. August 2020 als Nachfolger von Katrin Lompscher zu Berlins Senator für Stadtentwicklung und Wohnen vereidigt. Einer seiner ersten öffentlichen Termine führte Scheel gemeinsam mit Berlins Regierenden Bürgermeister Michael Müller im Rahmen einer sogenannten „Neubau-Tour“ quer durch die Hauptstadt, um Quartiersprojekte der sechs landeseigenen Wohnungsgesellschaften in Augenschein zu nehmen. Bei der letzten Station der vom BBU mitorganisierten Leistungsschau stieß „The Property Post“ im Märkischen Viertel dazu, wo die GESOBAU am Senftenberger Ring (Bezirk Reinickendorf) 388 neue Wohnungen errichtet.

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Foto links: Sebastian Scheel im Gespräch
mit The Property Post
Foto rechts: Sebastian Scheel gemeinsam mit dem
Berliner Bürgermeister Michael Müller

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

GESOBAU-Vorstand Jörg Franzen nutzte den Pressetermin, um auf die Bau-Kompetenz der Landeseigenen Gesellschaften aufmerksam zu machen („Wir sind der größte Bauherr Deutschlands“) und um gegen den jüngst innerhalb der Linkspartei diskutierten Vorschlag, einen eigenen Berliner „Bau Trust“ einzurichten, Stellung zu beziehen. Der Vorschlag des Autoren-Duos Michael Breitkopf und Sebastian Gerhardt, über den unter anderem der Tagesspiegel berichtete, sieht vor, dass sich die sechs landeseigenen Berliner Wohnungsgesellschaften zurückbesinnen auf Vermietung und Verwaltung ihrer Bestände und den städtischen Wohnungsneubau ein „Trust“ bzw. eine neu gegründete siebte Gesellschaft übernimmt, die dann auch einzig und allein Neubau verfolgt. Franzen von der GESOBAU kann dem gar nichts abgewinnen, da in seinen Augen die städtischen Gesellschaften mittlerweile sehr leistungsstarke Strukturen für den Neubau aufgebaut haben, in den letzten Jahren ihre Neubaukompetenz auch bereits unter Beweise stellten und auch mehr bauen wollen und könnten, wenn man sie ließe.

Während diese Worte nachhallten und sich der Großteil der Journalisten gemeinsam mit Jörg Franzen und dem Regierenden Bürgermeister Michael Müller über die Baustelle führen ließ, nutzte „The Property Post“ die Gelegenheit, um mit dem frisch gebackenen Bausenator Sebastian Scheel abseits des Trubels ein paar Worte zu wechseln.

Zum Thema Baukapazitäten sagte Scheel: „Wir sind konfrontiert mit einem Markt, auf dem Planungs- und Baukapazitäten ausgeschöpft sind. Daher macht es Sinn, sich eigene Kapazitäten zu sichern, wie dies etwa die HOWOGE gemacht hat, die ein Planungsbüro übernommen hat.“

TPP: Glauben Sie, dass die Baukapazitäten weiterhin so eng bleiben? Es gibt Stimmen, die sagen, dass in Folge der Corona-Krise z.B. weniger Büros oder Hotels gebaut werden und dadurch Kapazitäten für den Wohnungsbau frei werden könnten.
Scheel:
Ich glaube vor allem, dass wir einen ernsthaften Fachkräftemangel haben und wir an dieser Stelle ansetzen müssen. Daher haben wir gemeinsam mit der Bauwirtschaft am „Runden Tisch Bauwirtschaft" beschlossen, dass wir eine Fachkräftegewinnungskampagne durchführen, die auch vom Senat finanziell unterstützt wird.

TPP: Also denken Sie nicht, dass es einen Corona-Effekt geben könnte?
Scheel:
Das beobachten wir genau. Aktuell gibt es an manchen Stellen eine gewisse Zurückhaltung bei Büroimmobilien, da wir ja alle gerade feststellen, dass Homeoffice funktioniert. Gleichzeitig sind in den letzten zehn Jahren über 200.000 neue Arbeitsplätze in Berlin dazugekommen. Das ist eine stabilisierende, nachhaltige Entwicklung. Neue Bürger kommen nicht nur nach Berlin, weil die Stadt cool ist, sondern sie möchten hier auch arbeiten und Geld verdienen. Vor diesem Hintergrund glaube ich, dass es schon auch weiterhin Baugeschehen in allen Bereichen geben wird.

TPP: Unser Medium ‚The Property Post’ wird stark von privaten Projektentwicklern und Investoren gelesen. Durch die Einführung des Mietendeckels wurde das Vertrauen einiger Privater in den Investitionsstandort Berlin zumindest ein wenig getrübt. Was können Sie privaten Investoren – die Berlin fraglos als Partner benötigt –  sagen, um Vertrauen zurückzugewinnen?
Scheel:
Der Senat hat – und hier muss man den Gesetzgeber auch ernst nehmen – betont, dass es sich beim Mietendeckel um eine temporäre Maßnahme handelt, die dazu dient, die Lücke, die am Markt vorherrscht, zu schließen. Dementsprechend sage ich: Neubau ist weiterhin willkommen! Gleichzeitig haben wir besondere Bedarfe in Berlin. In Diskussionen mit privaten Investoren fordere ich daher immer mit zu bedenken, dass es eine Mischung in dieser Stadt geben muss. Nur hochpreisige Eigentumswohnungsbau zu realisieren würde Berlin nicht gerecht. Im Rahmen der kooperativen Baulandentwicklung haben wir klare Vorgaben, wieviel preiswerter Wohnanteil errichtet werden muss, bei Projekten nach §34 gibt es diese Vorgaben nicht. Hier würde ich mir eine Selbstverpflichtung der Privaten wünschen.

TPP: Von dem „Berliner Modell der kooperativen Baulandentwicklung“, das Sie angesprochen haben, gibt es nach einer Abänderung in Richtung Flächenzahl bereits zwei Versionen. Soll das „Berliner Modell“ noch weiterentwickelt werden?
Scheel:
Wir haben am Anfang der Legislaturperiode das „Berliner Modell der kooperativen Baulandentwicklung" angepasst. In der früheren Fassung waren 25 Prozent der Wohneinheiten sozialpreisgebunden zu realisieren, das hatte allerdings den Effekt, dass es am Ende des Tages die kleinen Ein-Zimmer-Wohnungen waren, die als Sozialwohnungen ausgewiesen wurden. Deshalb haben wir umgestellt so dass der Sozialwohnungsanteil jetzt 30 Prozent der Geschossfläche ausmacht.

TPP: Und so bleibt das „Berliner Modell“ nun, darauf könne sich die Privaten verlassen?
Scheel:
Ja, darauf kann man sich verlassen. Wir haben noch Anpassungen bei den Themen Baukostensteigerung und der Beteiligung an Folgekosten bzw. Infrastruktur wie Schulbau und Kita gemacht, das ist aber bereits festgelegt. Uns ist es wichtig, dass für die Privaten Planungssicherheit besteht.

TPP: Vielen Dank für das Gespräch, Herr Scheel!

Das Interview führte Michael Lippitsch

Die Nutzungsrechte wurden The Property Post zur Verfügung gestellt von Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Wohnen
Erstveröffentlichung: The Property Post, September 2020

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