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„Ich bin Kollege, kein Polizist“

Ein Gespräch über die Bedeutung von Gesundheit und Sicherheit auf dem Bau in Krisenzeiten

Artur Stala, Health & Safety Manager, ISG
Artur Stala

Die meisten Baustellen laufen auch in Corona-Zeiten weiter. Gerade jetzt ist es umso wichtiger, dass sicheres Arbeiten gewährleistet ist. Hierfür gibt es in vielen Bauunternehmen eigene Stabsstellen. Artur Stala, Health & Safety Manager bei ISG für Deutschland, Luxemburg und die Schweiz, über die Bedeutung von Gesundheit und Sicherheit auf dem Bau in Krisenzeiten.

The Property Post (TPP): Herr Stala, im Zuge der Corona-Krise hat die Berufsgenossenschaft der Bauwirtschaft (BG BAU) den Arbeitsschutzstandard des Bundes für die Baubranche konkretisiert und verschiedene Handlungshilfen erstellt. Eine davon regelt beispielsweise die Hygiene auf Baustellen. In welchem Grad entsprechen die Maßnahmen auf den ISG-Baustellen den Anforderungen der BG BAU?
Artur Stala (AS):
Die Empfehlungen entsprechen den minimalen Anforderungen, die wir auf jeder Baustelle haben. Unsere Maßnahmen gehen in einigen Bereichen darüber hinaus. Uns ist viel daran gelegen, dass unsere Nachunternehmer zufrieden sind und gerne auf unseren Baustellen arbeiten. Wir haben zum Beispiel neu eingerichtete Mittagsräume, in denen sich die Mitarbeiter aufhalten können und die regelmäßig gereinigt werden. Hier stehen Kühlschränke, Mikrowellen und Kaffeemaschinen zur Selbstversorgung. Zusätzlich stellen wir Food Trucks mit Gratisessen auf.

Wer solche Gemeinschaftsräumlichkeiten anbietet, muss natürlich auch schauen, dass sie in den aktuellen Zeiten Corona-konform genutzt werden. Wir haben unsere Gemeinschaftsbereiche gleich auf allen Baustellen vergrößert, sodass wir den vorgeschriebenen Mindestabstand von 15, Metern einhalten können. Das erreichen wir außerdem durch eine verringerte Zahl an Wegkreuzungen. Alle Mitarbeiter bekommen regelmäßig einen Mundschutz gestellt. Dieser muss getragen werden, sobald Besprechungen ohne Sicherstellung des Mindestabstands länger als 15 Minuten dauern. Wir haben getaktete Arbeitszeiten eingeführt, um die Gesamtmenge an Personen auf der Baustelle und in den Pausenräumen zu reduzieren. Zudem reinigen und desinfizieren wir die Baustellen nun täglich. Jeden Morgen nehmen wir über einen kontaktlosen Laser Fiebermessungen vor. Wer auch nur die geringsten Anzeichen von Krankheit aufweist, muss die Baustelle umgehend verlassen. Das hat gut funktioniert: Bis heute hatten wir keinen einzigen Corona-Fall auf unseren Baustellen in ganz Deutschland, Luxemburg und der Schweiz.

TPP: Wie stellen Sie die Umsetzung dieser Maßnahmen auf der Baustelle sicher, v.a. im Hinblick auf Subunternehmer?
AS:
Wir können es nicht garantieren, aber die Rahmenbedingungen hierfür schaffen und regelmäßig überprüfen. Auf den großen Baustellen bin ich selbst regelmäßig da und schaue nach dem Rechten. Dass es gut läuft, hängt allen voran mit einer frühzeitigen Sensibilisierung zusammen: Health & Safety ist bei uns ein fester Teil des Onboardings, auch bei der Aufnahme von Geschäftsbeziehungen mit neuen Subunternehmern. Die Mitarbeiter wissen von Beginn an, welche Standards eingehalten werden müssen. Hierzu zählen beispielsweise auch Sicherheitsaspekte wie das generelle Verbot von Leitern als beträchtliche Gefahrenquelle oder die Ausstattung von Besuchern der Baustelle mit Schutzkleidung. Alle Personen, die nicht direkt in das Bauprojekt involviert sind, sind angehalten, Sicherheitsschuhe, Weste, Helm und Handschuhe zu tragen.

TPP: Welche Rückmeldungen gibt es seitens der ISG-Belegschaft und der Partnerunternehmen? Werden alle Maßnahmen akzeptiert?
AS:
Meine Devise ist: Im Bereich Health & Safety geht es nicht nur um Gesundheit und Sicherheit an sich. Der soziale Aspekt ist ein Riesenthema, das ich ganz klar in meinem Verantwortungsbereich sehe. Ich suche das Gespräch mit jedem, der in unsere Projekte involviert ist – von der Reinigungskraft bis hin zum Projektleiter des Kunden. Die Rückmeldungen sind bislang sehr positiv. Warum? Weil wir den Sinn unserer Vorgaben jedem einzelnen kommunizieren und auf seine Meinung hören. Das mag banal klingen, aber die aktuell strengen Vorschriften müssen vermittelt werden.

TPP: Gab es bereits vor Ausbruch der Covid19-Pandemie Leitfäden für die Gesundheit der Mitarbeiter im Seuchenfall? Wenn ja, konnten sie jetzt als Blaupause dienen?
AS:
Wir hatten vorher keine derartigen Leitfäden. Die Corona-Pandemie ist für uns aber auch nicht unerwartet gekommen. Durch die Situation in Italien und noch früher in China hatten wir einen zeitlichen Vorlauf und haben die Schritte und Maßnahmen dort sehr genau beobachtet. Zum Beispiel haben wir schon sehr früh mitbekommen, dass es bei der Bestellung von Mund-Nasen-Schutzmasken Probleme geben könnte und haben daher schon früh reagiert und genügend Masken besorgt.

TPP: Welche neuen Erkenntnisse haben Sie durch die Corona-Krise für Ihren Beruf gewonnen?
AS::
Das Wichtigste, was ich aus der Krise bisher gelernt habe, ist die Bedeutung von Kommunikation in meiner Position. Besonders in Zeiten wie diesen habe ich gemerkt, dass die Mitarbeiter ein gesteigertes Bedürfnis nach Austausch und Unterstützung haben und es sehr schätzen, wenn jemand ein offenes Ohr für sie hat. Zum Beispiel habe ich in den letzten Wochen, wo ja viele von zu Hause gearbeitet haben, regelmäßig auf den Baustellen angerufen, um mit allen zu reden – auch mal nicht nur über die Arbeit. Und das schätzen meine Kollegen.

TPP: Hat sich die Bedeutung von Health & Safety im Unternehmen dadurch verändert?
AS:
Wenn meine Mitarbeiter sicher arbeiten möchten, anstatt es aufgezwungen zu bekommen, dann habe ich mein Ziel erreicht. Und genau das beobachte ich momentan: Am Anfang meiner Zeit bei ISG vor sechs Jahren haben schätzungsweise nur 20 Prozent der Mitarbeiter dies aus eigener Motivation heraus gemacht - heute sind es rund 90 Prozent. Ich merke das in meinen Erhebungen und im täglichen Geschehen. Wenn es Probleme gibt, sprechen mich die Kollegen aktiv an, um gemeinsam Lösungen zu finden. Im Bereich Health & Safety besteht die Gefahr, dann man als eine Art Polizist angesehen wird. So arbeite ich nicht gerne. Ich möchte eher als Kollege wahrgenommen werden, der den anderen helfen möchte, anstatt ihnen etwas aufzuzwingen. Ich möchte nicht, dass alle weglaufen, wenn ich auf die Baustelle komme. Da gehe ich viel lieber am Ende des Tages mit ihnen ein Bier oder einen Kaffee trinken.

TPP: Herr Stala, vielen Dank für das Gespräch!

Die Nutzungsrechte wurden The Property Post zur Verfügung gestellt von ISG Deutschland
Erstveröffentlichung: Allgemeine Bauzeitung, 21. August 2020

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