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25.11.2015

LandLuft

Baukultur in ländlichen Räumen

Mag. arch. MAS MBA Roland Gruber, Gründer, Partner, Geschäftsführer, nonconform zt gmbh
Mag. arch. MAS MBA Roland Gruber

Roland Gruber, Vorsitzender von LandLuft, im Interview mit Thomas Rücker, Herausgeber von The Property Post, über die Aufgaben des Vereins, über räumliche Entwicklungen und spannende Bauprojekte.

Herr Gruber, Sie sind Vorsitzender des Vereins LandLuft, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, die Baukultur im ländlichen Raum zu fördern. Ist dies ein schönes Hobby für Sie?
Ja, und zwar ein ganz Besonderes. Den Verein habe ich gemeinsam 1999 mit zwei Universitätsprofessoren und einem Baukulturjournalisten in Österreich gegründet. UnserZiel ist es die innovativsten räumlichen Entwicklungen und spannendsten Bauprojekte in den ländlichen Gemeinden aufzustöbern, die Menschen, die dahinter verantwortlich sind zu finden, und diese vor den Vorhang zu holen. Wir möchten dadurch andere Gemeinden und Kleinstädte für ihre räumliche Veränderungen sensibilisieren und motivieren, nicht nur die einzelne Baumaßnahme als solche zu sehen, sondern ganzheitlich soziale, ökonomische, ökologische und gestalterische Aspekte in ein Projekt einfließen zu lassen. Denn jede Veränderung in einem Stadt- oder Dorfkern bietet neue Chancen, um zum Beispiel die Lebensqualität, das Image und die Organisation des Verkehrs zu verbessern. Möglichkeiten, die gerade sterbende Gemeinden, die vonLandflucht betroffen sind, für sich nutzen sollten, um ihre Anziehungskraft wieder zu steigern und eine eigene Identität aufzubauen. Im Idealfall entstehen Teams von Bürgern, Politik, Verwaltung, Unternehmern und Experten, die gemeinsam eine Lösung für ihren Lebensraum entwickeln. Wir verstehen uns sozusagen als Scouts für Baukultur in Gemeinden, wir suchen „the best of“.

Und in Deutschland?
In Deutschland sind wir seit 2011 aktiv. Wir konnten ein Forschungsprojekt mit dem Titel „Baukultur in ländlichen Räumen“ für das BBSR, der Bauforschungsstelle das Bundesbauministeriums abschließen und 2014 eine europaweite Ausschreibung desselben Ministeriums gemeinsam mit einem Team der Alanus Hochschule für Kunst und Gesellschaft aus Alfter bei Bonn und dem Büro für urbane Projekte in Leipzig für uns entscheiden. Unter dem Aspekt „Aus Baukulturinitiativen sollen Baukulturgemeinden werden“ unterstützen wir ausgewählte kommunale Initiativen über das Bundesgebiet verstreut in der Professionalisierung ihres Einsatzes für qualitätsvolles Bauen in den Gemeinden unter anderem mit Workshops vor Ort, speziellen Exkursionen, Ausstellungen und individuellen Coachings. Insgesamt wurden aus einem öffentlichen Call 12 Projektinitiativen ausgewählt. Da sind zum Beispiel die Neugestaltung des Stadtzentrums mit Marktplatz in Bischofswerda in Sachsen, die Entwicklung eines Hauses für Baukultur in einem nicht mehr bewohnten Lehrerhauses in Dingden am Niederrhein und die Sanierung eines gesamten Ortsteils der Gemeinde Baiersbronn im Schwarzwald mit einem gänzlichen neuen Wettbewerbsverfahren.

Und wie kommen Sie zu diesem Hobby?
Ich beschäftige mich schon seit meiner Jugendzeit – wo ich in meinem Heimatdorf in den Kärntner Bergen sehr aktiver „Umdenk-Aktivist“ war - mit dem Weiterdenken des ländlichen Raumes. Es geht mir dabei auch um die Reaktivierung von verödeten Dorfzentren, atmosphärelosen Plätzen und leerstehenden Gebäuden mit besonderen Projekten, um diese als nachhaltige Anziehungs- und Treffpunkte für Menschen zu manifestieren. Und es gibt unglaublich interessante Projekte, an einigen konnte ich auch selbst mitdenken. Mit unserem Architekturbüro nonconform haben wir in den letzten 10 Jahren über 40 Ideenwerkstätten in Österreich und Deutschland durchgeführt. Dabei tauchen wir gemeinsam mit den Bürgern in eine ganz besondere „Werkstattatmosphäre“ ein und entwickeln mit einem Expertenteam aus Architekten, Stadtplanern, Psychologen, Pädagogen und Mediatoren unter der Einbindung sämtlicher lokaler Interessensgruppen innerhalb von drei Tagen vor Ort eine städtebauliche, planerische und gesellschaftliche Lösung, die von allen Bürgern getragen wird, visualisiert ist und im Grunde direkt nach der Ideenwerkstatt umgesetzt werden kann. Aktuell haben wir eine solche nonconform ideenwerkstatt zur Neugestaltung einer Montessori Schule in Würzburg durchgeführt, bei der wir eine gemeinsame Lösung mit Schülern, dem pädagogischen Team, Eltern und der Gemeinschaft der Ordensschwestern (Anmerkung: Eigentümerin des Geländes)entwickelt haben.

Was wünschen Sie sich?
Gerade von schrumpfenden Gemeinden und Städten wünsche ich mir, dass sie nicht den Kopf in den Sand stecken, sondern ihre leerstehenden Gebäude und verödeten oder verbauten Plätze als Ressourcen und Chancen auffassen. Ich wünsche mir, dass die Verantwortlichen vor Ort nicht resignieren, sondern mit Mut und Tatendrang die ausgetretene Pfade verlassen und nach neuen Lösungen suchen und manchmal auch heilige Kühe schlachten. Der Schlüssel ist da mit Sicherheit eine, auf spannende Weise durchgeführte partizipative Beteiligung von Bürgern, weil dadurch zukunftsfähige Lebensräume mit baukulturellen Vorzeigeprojekten geschaffen werden und damit helfen können, verlorengegangene Attraktivität wieder zu gewinnen oder gar einen Ort ganz neu zu denken. Denn: Orte schaffen Orte. Für derartige Projekte gibt es oftmals Fördermöglichkeiten von Land oder Bund, die die Potenziale dieser Orte gezielt unterstützen.

Die Nutzungsrechte wurden The Property Post zur Verfügung gestellt von RUECKERCONSULT GmbH
Erstveröffentlichung: CUBE, Immobilien Spezial September 2015