27.04.2026

„Quartiere zukunftsorientiert denken“

Quartiersentwicklung im Spannungsfeld zwischen Vision und Umsetzung

Thomas Mohr, CFO, DIEAG Unternehmensgruppe
Jens Leyh, Future District Alliance, Fraunhofer IAO
Thomas Mohr

Zukunftsfähige Quartiere entstehen im Spannungsfeld von wissenschaftlicher Forschung und unternehmerischer Praxis. Jens Leyh (Future District Alliance, Fraunhofer IAO) und Thomas Mohr (CFO, DIEAG) geben Einblicke in Perspektiven, Herausforderungen und neue Ansätze der Quartiersentwicklung.

The Property Post (TPP): Herr Leyh, Herr Mohr, was verstehen Sie unter einem „Future District“?
Thomas Mohr: Für uns als Projektentwickler ist das Quartier der Zukunft kein statisches Zielbild, sondern ein kontinuierlicher Entwicklungsprozess. Städte wachsen, Anforderungen verändern sich, sei es durch neue Wohnbedarfe, Arbeitsformen oder regulatorische Rahmenbedingungen. Unser Anspruch ist es, diese Dynamik aktiv zu gestalten und Quartiere neu zu denken.
Jens Leyh: Aus wissenschaftlicher Sicht ist ein Future District vor allem ein Experimentierraum. Wir sprechen bewusst von Reallaboren, in denen technologische und gesellschaftliche Innovationen unter realen Bedingungen erprobt werden, um sie langfristig zu verstetigen. Entscheidend ist: Ein Quartier ist nie „fertig“, sondern entwickelt sich permanent weiter.

TPP: Warum gewinnt Quartiersentwicklung aktuell so stark an Bedeutung?
Leyh: Wir stehen vor multiplen Transformationsprozessen: Klimaanpassung, Energieversorgung, soziale Integration. Hinzu kommen technologische Möglichkeiten, die neue Lösungen erst ermöglichen. Diese Faktoren wirken gleichzeitig und machen lebenswerte Quartiere zum zentralen Handlungsfeld.
Mohr: Gleichzeitig sehen wir einen massiven Nachfrageüberhang, insbesondere im Wohnbereich. Themen wie Nachverdichtung, Flächennutzung oder gemischte Nutzungskonzepte werden immer wichtiger. Quartiere sind der Ort, an dem diese Herausforderungen zusammenlaufen – und gelöst werden müssen.

TPP: Welche Rolle spielt die Future District Alliance in diesem Kontext?
Leyh: Die Allianz ist ein Netzwerk aus Städten, Unternehmen und Entwicklern, das genau hier ansetzt: Quartiere zukunftsorientiert denken und in die Umsetzung bringen. Wir arbeiten entlang konkreter Szenarien, analysieren internationale Best Practices und fokussieren uns auf zentrale Innovationsfelder wie Energie, digitale Plattformen, Zirkularität oder Geschäfts- und Betreibermodelle.
Mohr: Für uns als Entwickler ist besonders wertvoll, dass diese Ansätze wissenschaftlich fundiert sind. Gerade bei großen Projekten – etwa im Milliardenbereich – brauchen wir belastbare Szenarien, um Entscheidungen strategisch abzusichern und Risiken zu managen.

TPP: Ein Beispiel ist das Quartier Behrens-Ufer. Was macht solche Projekte besonders?
Leyh: Aus unserer Perspektive sind drei Aspekte entscheidend: Erstens die klare Vision – etwa ein energieautarkes Gewerbequartier. Zweitens die konsequente Umsetzung über neue Geschäftsmodelle hinweg. Und drittens die Öffnung für externe Expertise, etwa über Innovationslabore.
Mohr: Genau diese Labs waren für uns ein Schlüssel. Wir haben bewusst Menschen aus unterschiedlichen Disziplinen eingebunden – von Energie über Urban Farming bis hin zu Kunst und Kultur. Das erweitert den Blick enorm und schafft Lösungen, die über klassische Immobilienentwicklung hinausgehen.

TPP: Wie gelingt es, Innovationen tatsächlich in die Umsetzung zu bringen?
Mohr: Entscheidend ist ein klarer strategischer Rahmen. Innovation darf nicht im luftleeren Raum stattfinden, sondern muss auf konkrete Projekte einzahlen. Gleichzeitig braucht es wirtschaftliche Tragfähigkeit – nur dann sind Lösungen langfristig nachhaltig.
Leyh: Ergänzen möchte ich den Faktor Vertrauen. Dieser ist zentral, insbesondere im Zusammenspiel mit der öffentlichen Hand. Reallabore und Pilotprojekte können hier helfen, neue Ansätze zu testen und Sicherheit für Entscheidungen zu schaffen.

TPP: Stichwort öffentliche Hand: Wie wichtig ist die Zusammenarbeit?
Mohr: Sie ist essenziell. Erfolgreiche Quartiersentwicklung funktioniert nur im Dialog mit Politik und Verwaltung. Transparenz, Verlässlichkeit und ein gemeinsames Zielverständnis sind dabei entscheidend.
Leyh: Genau an dieser Schnittstelle entsteht Innovation. Wenn öffentliche und private Akteure gemeinsam Lösungen entwickeln, lassen sich auch regulatorische Hürden überwinden oder weiterentwickeln.

TPP: Wohin entwickelt sich die Quartiersentwicklung in den nächsten Jahren?
Leyh: Wir sehen vier zentrale Themen: nachhaltige Energiesysteme, effizientere Infrastrukturen, die Gestaltung von Lebens- und Arbeitsqualität im Quartier und neue Geschäftsmodelle für Entwicklung und Betrieb.
Mohr: Für uns bedeutet das: Quartiere werden zunehmend als integrierte Systeme gedacht – wirtschaftlich, sozial und technologisch. Das eröffnet neue Wertschöpfungspotenziale, verlangt aber auch ein Umdenken in der gesamten Branche.

TPP: Abschließend: Warum sollten sich Unternehmen und Kommunen aktiv engagieren?
Leyh: Weil Quartiersentwicklung ein systemisches Thema ist, niemand kann es allein lösen. Netzwerke wie die Future District Alliance ermöglichen Wissenstransfer und beschleunigen Innovation.
Mohr: Und weil die Herausforderungen zu groß sind, um sie isoliert zu betrachten. Wer heute aktiv gestaltet, sichert sich nicht nur Wettbewerbsvorteile, sondern leistet auch einen Beitrag zur Zukunft unserer Städte.

Die Nutzungsrechte wurden The Property Post zur Verfügung gestellt von DIEAG
Erstveröffentlichung: The Property Post, April 2026

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