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11.08.2021

Vorteil Ferienhotellerie

Martin Schaffer, Geschäftsführer mrp hotels, zur Lage der deutschen Hotellerie

Martin Schaffer, Geschäftsführer, mrp hotels
Martin Schaffer

Frage: Herr Schaffer, wie sehen Sie die Entwicklung der deutschen Hotellerie im zweiten Jahr der Corona-Pandemie?

MS: Unstrittig ist, dass das Hotelgeschäft in Deutschland unabhängig vom Segment und Region stark in Mitleidenschaft gezogen wurde. Was die Erholung angeht bedarf es einer differenzierten Betrachtung. Gerade in großen Zentren steht und fällt die Hotellerie natürlich vor allem mit Messebetrieb und Geschäftsreisen, hinzu kommen touristische Städtereisen, die, während der starken Pandemiewellen, stark eingebrochen waren. Letztere spielen in der Erholungsphase voraussichtlich zunächst eher eine Nebenrolle für die Städte, denn die Menschen drängt es in der Ferienzeit eher an die Strände oder in die Berge. Unter diesen Voraussetzungen wiederum ist der Nachholeffekt touristischer Destinationen groß.

Frage: Werden Ferienhotels vom Trend zum Urlaub im eigenen Land profitieren? Oder ist die Sehnsucht nach ausländischen Urlaubsgebieten wie Mallorca zu groß?
MS: In der Tat haben Ziele wie die Balearen aber auch beispielsweise Griechenland ab Ende März von Öffnungsschritten profitiert, in einer Zeit, in der Deutschland sich noch tief in der dritten Coronawelle befand und daher an Lockerungen auch im Hotel- und Gastgewerbe noch nicht zu denken war. Die erfolgten Lockerungen kommen dem Inlandstourismus nun aber umso mehr entgegen. Letztendlich können Nachrichten von steigenden Inzidenzen und Verzögerungen bei bereits geplanten Öffnungen - so wie in Lissabon oder auch in Großbritannien - dazu führen, dass Menschen wieder mehr Vorsicht walten lassen. Nicht überraschend ist daher, dass laut aktuellen Umfragen eine Mehrheit - und dabei vor allem Familien - auf Urlaub in Deutschland setzt. Das führt zu einer neuen Bandbreite an Gästen mit neuen Anforderungen und Bedürfnissen: längere Aufenthalte, ergänzt durch Wellness, Kinderbetreuung und der Bereitstellung von Workspace. Denkbar sind in dem Zusammenhang „Workation“ - Angebote – also Hybridmodelle aus Arbeit und Urlaub. Früher oder später wird sich das Reiseaufkommen wieder normalisieren, Deutschland wird aber auf langfristige Sicht profitieren, da viele Deutsche in den vergangenen beiden Reisesommern das eigene Land erst als attraktives Urlaubsland kennengelernt haben.

Frage: Sehen Sie auch die städtische Hotellerie – dabei insbesondere die Messe- und Geschäftsreisen - wieder im Aufwind?
MS:
Ab dem Herbst sehen wir Hoffnungszeichen, denn Messestandorte wie München haben bereits einen Neustart mit Messen wie der IAA Mobility oder der Expo Real angekündigt. Klar ist aber auch, dass dieser Neustart im Hotelbereich mit neuen Konzepten einher gehen wird. Mit einer Rückkehr zu Niveaus vor der Pandemie wird nicht vor Ende 2023 gerechnet. Die Stadthotellerie hat bereits im ersten Lockdown 2020 begonnen, entsprechende Maßnahmen zu ergreifen mit dem Ziel, auch mit einer niedrigeren Auslastung von beispielsweise 50 Prozent wirtschaftlich erfolgreich zu bleiben – vor allem auch um die abgeschlossenen Pachtverträge erfüllen zu können, sollte es zu keinen neuen Vereinbarungen zwischen Eigentümer und Pächter kommen. Zu den Anpassungen gehören neben Hygiene- und Sicherheitsmaßnahmen und dem weiteren Ausbau der digitalen Infrastruktur auch Anpassungen beim Personal und neue Food & Beverage - Konzepte. Es wird auf Qualität, individuelle Angebote und Orientierung an Kundenanforderungen gesetzt. Kleinere, persönlichere Hotels, Serviced Apartments / Longstay Angebote und Hotels mit Top-Innenstadtlagen in A-Städten werden sich schnell erholen. Megahotels mit über 300 Zimmern oder Flughafenhotels könnten demgegenüber vielfach der Vergangenheit angehören.

Frage: Was macht die Assetklasse Hotel für Investoren aktuell trotz allem interessant?
MS:
Bei der Bewertung zeichnen sich pauschale Abschläge von rund 10 Prozent ab. Das könnte unter anderem Private Equity Investoren auf den Plan rufen. Auch verstärkte Übernahmen von Pachtverträgen und Betreibergesellschaften sind denkbar und bereits zu beobachten. Mit Venture Capital oder hohem Private Equity- oder Eigenkapital-Anteil ausgestattete Gesellschaften sind im Vorteil, Bonitätsstärke und Betreiberqualität werden immer wichtiger. Nach langen Boomjahren haben die Betreiber bei Neuentwicklungen eine vorsichtigere Herangehensweise angenommen, daher erwarten wir vor allem Übernahmen und Umnutzungen bei Häusern im Bestand. 

Die Nutzungsrechte wurden The Property Post zur Verfügung gestellt von mrp hotels
Erstveröffentlichung: FAZ, Juli 2021

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