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“Familienbetriebe im Vorteil“

Hotelexpertin Martina Fidlschuster erläutert, wie Hotels trotz katastrophaler Übernachtungszahlen überleben

Reiner Reichel, Redakteur, The Property Post
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Schlechte Zeiten fürs Geschäft sind gute Zeiten für Berater. Der Hotelbranche geht es in der Corona-Krise besonders schlecht. Umso mehr ist der Rat von Hotour-Chefin Martina Fidlschuster gefragt. Das Telefoninterview mit „The Property Post“ (TPP) führt die Expertin in einer Terminlücke zwischen zwei Videokonferenzen.

TPP: Frau Fidlschuster, die gute Nachricht: Man darf seit ein paar Wochen wieder in Hotels übernachten. Die schlechte: viele potenzielle Gäste verzichten. Haben Sie schon einmal einen solchen Einbruch in der Branche erlebt?
Martina Fidlschuster:
Nein. Die größte Krise, an die ich mich erinnern kann, traf die Branche nach dem Terroranschlag am 11. September 2001 in New York. Städtereisen in die Metropolen der Welt waren plötzlich nicht mehr gefragt. Doch 2002 sanken die Übernachtungszahlen in Deutschland bei weitem nicht so dramatisch wie in diesem Jahr.

TPP: Nun scheint es wieder Stadthotels stärker zu treffen als andere.
MF:
Grundsätzlich ist das richtig. Aber differenziert betrachtet müssen stark vom Auslandstourismus abhängige Hotels am härtesten um Gäste kämpfen. Weil die Fluggesellschaften ihre Pläne zusammengestrichen haben, kommen weniger Städtetouristen. Diese Entwicklung betrifft ganz besonders Berlin, Frankfurt und München. Die Hotels dort leiden zusätzlich darunter, dass Messen und große Konferenzen ausfallen und Geschäftsreisende aufgrund firmeninterner Reiseverbote nicht mehr kommen. Besser geht es Hotels in mittelgroßen Städten, die von Inlandstouristen gut mit dem Auto erreichbar sind. Dazu zählen etwa Kiel, Lübeck und Rostock, aber auch Hamburg, das schon immer Besucher aus dem Inland besonders anzog. Auch in Freiburg sind die Übernachtungszahlen aktuell überdurchschnittlich. Dennoch ist derzeit wegen der niedrigen Belegungsraten kaum ein Stadthotel rentabel zu führen.

TPP: Eine Übernachtung in einer der für Großstädte typischen Vier-Sterne-Herbergen ist zurzeit wenig attraktiv. Wer möchte schon in ein Haus, dessen Restaurant geschlossen ist und dass das früher üppige Frühstücksbüffet durch eine Box mit belegten Brötchen auf dem Zimmer ersetzt?
MF
: Das muss man verstehen. Das geschieht aus wirtschaftlicher Not. Ein Zweihundert-Betten-Haus kann nicht für zehn Gäste das Restaurant öffnen und die Zutaten für ein großes Frühstücksbüffet vorrätig halten. Die Personalkosten für Küche und Bedienung je Gast wären zu hoch. Mittlerweile sind jedoch schon wieder viele Frühstücksbuffets in Betrieb. Hotelmitarbeiter tun alles was in ihrer Macht steht, um den Gästen die Einschränkungen so wenig wie möglich spüren zu lassen.

TPP: Welche Konsequenz erwarten Sie daraus?
MF:
Der Anteil der Hotels, die nur eingeschränkten Service bieten, wird zunehmen. Eingeschränkter Service bedeutet, dass auf Restaurant und Konferenzräume verzichtet wird. Solche Häuser sind bereits bei niedrigeren Belegungsquoten rentabel.

TPP: Die Übernachtungszahlen im Mai sind um 75 Prozent gegenüber dem gleichen Vorjahresmonat gesunken. Die Umsätze sind noch stärker gefallen. Kommt demnächst die große Insolvenzwelle?
MF:
Sicherlich werden nicht alle Hotelbetriebe überleben. Aber eine große Insolvenzwelle ist vermeidbar.

TPP: Wie?
MF:
Es sind nicht alle Betriebe mit hohen Einnahmeausfällen insolvenzgefährdet, wenn Kreditgeber und Verpächter mit den Hoteliers solidarisch durch diese bis dato ungeahnte Krise gehen. Bei den Banken sollte das Ziel eine Tilgungsaussetzung sein, bei den Verpächtern eine temporäre Pachtreduktion. Die Nachzahlungen sollten auf einen langen Zeitraum verteilt werden. In diesem Zusammenhang kann die Pachtlaufzeit verlängert werden. Eine weitere Variante ist die zeitlich befristete Umstellung von fixen auf variable, an den wirtschaftlichen Erfolg geknüpfte, Pachten.

TPP: Sind Banken und Immobilieneigentümern verhandlungsbereit?
MF:
  Die Frage lässt sich nicht generell beantworten. Meine große Sorge ist, dass gute Konzepte und Pächter vom Markt verschwinden, weil Banken und Verpächter nicht schnell genug entscheiden. In Zeiten wachsender Übernachtungszahlen waren die Verpächter in der besseren Position. Die Krise hat die Machtverhältnisse umgekehrt. Selbstverständlich kann der Immobilieneigentümer auf der Erfüllung des Pachtvertrages bestehen. Doch wenn er den Pächter in die Zahlungsunfähigkeit treibt und nicht sicher ist, zu gleichen Konditionen einen Nachpächter zu finden, schadet er sich selbst.

TPP: Wird es wieder aufwärts gehen und wie schnell?
MF:
Alle Beteiligten sollten wissen, dass das Hotelgeschäft ein langfristiges ist, mit Pachtlaufzeiten von häufig 20 oder 25 Jahren. Auch ein Rückblick auf die Zeit nach dem Anschlag von 2001 sollte vor übereilten Entschlüssen schützen. Ab 2004 stiegen die Übernachtungszahlen wieder jedes Jahr und waren 2019 um rund 45 Prozent höher als damals. Ich erwarte, dass die Übernachtungen 2023 wieder ein normales Niveau erreichen werden, auch wenn sie nicht an die Rekordmarke des Vorjahres von knapp 500 Millionen heranreichen werden.

TPP: Wer überlebt, die familiengeführten Betriebe oder die großen Ketten?
MF
: Auch die Frage lässt sich nicht generell beantworten. Aber in der gegenwärtigen Situation haben Familien, die nur ein Haus führen, Vorteile gegenüber Ketten, die auch nicht alle in der Hand von Kapitalgesellschaften sind. Das liegt daran, dass die staatlichen Beihilfen pro Unternehmen gezahlt werden und nicht pro Betriebsstätte. Ein Umstand, der von Branchenvertretern wie Otto Lindner, dem Vorstandsvorsitzenden des Hotelverbands Deutschland, zu Recht kritisiert wird. Ein weiterer Vorteil für Familienbetriebe könnte darin bestehen, dass sie häufig langjährige Geschäftsbeziehung zu den örtlichen Volksbanken und Sparkassen haben und darauf hoffen können, dass diese Institute  auch in der Krise zu ihnen stehen.  

TPP: Frau Fidlschuster, ein kurzer Perspektivwechsel. Sie sehen im Jahr 150 bis 200 Hotels und somit auch deren Gäste. Den Hoteliers sagen Sie Ihre Meinung. Würden Sie auch manchem Gast gern mal die Meinung sagen?
MF
: Oh ja. Ich ärgere mich immer mal wieder über Gäste, die ihre gute Kinderstube vergessen und würde diese Menschen allzu gern auffordern, das Servicepersonal mit dem gleichen Respekt zu behandeln, den sie selbst erwarten.

TPP: Frau Fidlschuster, vielen Dank für das Interview.

Die Nutzungsrechte wurden The Property Post zur Verfügung gestellt von Hotour Hotel Consulting
Erstveröffentlichung: The Property Post, Juli 2020

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Reiner Reichel, Jahrgang 1956, war viele Jahre Immobilienredaktuer des Handelsblatts. Journalismus betreibt er, wie er Fußball spielt: hart aber fair.

Foto Martina Fidlschuster (002).JPGSeit 2001 ist Martina Fidlschuster (61) geschäftsführende Gesellschafterin der Hotour Hotel Consulting. „Wer in meiner österreichischen Heimat  sprachbegabt ist, landet sehr schnell im Tourismus“, beschreibt Sie den Beginn ihrer Karriere. Nach Stationen bei bekannten Hotelkonzernen begann sie 1993 zunächst als freie Mitarbeiterin bei Hotour. Heute ist ihr Wissen gefragt, wenn es darum geht, den Wert eines Hotels zu ermitteln, Besitzwechsel vorzubereiten oder Hotelimmobilien zu verwalten und zu finanzieren. Wenn sie genug Hotelgebäude gesehen, Geschäftspläne geprüft und Renditeberechnungen vorgenommen hat, erholt sie sich bei der Arbeit im eigenen Garten, auf dem Golfplatz oder im Winter beim Skifahren.

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