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Was am meisten nervt

PropTech: Zukunftsmodell oder Eintagsfliege?

Peter Müller, Kommunikationsberater und Karrieretrainer, RUECKERCONSULT GmbH
Peter Müller

In den letzten Jahren ist es zu einer Welle von Neugründungen von PropTech-Unternehmen gekommen. Sie bieten immobilienwirtschaftliche Dienstleistungen an, die auf neuen digitalen Technologien beruhen. Aber wie gut sind ihre Geschäftsmodelle wirklich? Haben sie das Zeug dazu, die Startup-Phase wirtschaftlich zu überleben? Was sind die Voraussetzungen dafür, dass ein PropTech-Start-up schwarze Zahlen schreibt und langfristig erfolgreich ist? Architrave, PlanRadar und PROMOS haben es längst geschafft. Sie zählen seit Jahren zu den etablierten Grown-ups in der PropTech-Szene. Ihre Erfolgsformel: Konzentration auf das, was ihre Kunden am meisten nervt, und harte Arbeit an einfachen Lösungen. Mit allen technischen Mitteln, die die heutige Zeit bietet.

Smartphone und Tablet haben den Alltag längst vollständig erobert. In allen Lebensbereichen, in allen Altersklassen und in allen sozialen Schichten. Auch der Umgang mit der Technologie hat sich stark verändert. Die Anwenderfreundlichkeit von Hard- und Software hat einen riesigen Sprung nach vorne gemacht. Man hat sich an  eine intuitive, selbsterklärende und ergonomische Bedienung gewöhnt. So sehr, dass Geräte, Programme und Internetseiten, die langes Knobeln oder gar umfangreiche Schulungen und das Studium dicker Handbücher voraussetzen, schlicht nicht mehr akzeptiert werden. Einfachheit wird nicht nur in der Rolle des Kunden nachgefragt, wenn es um das Produkt oder die Dienstleistung geht, sondern auch in der Rolle des Angestellten und Mitarbeiters, wenn es um die Bewältigung der täglichen Arbeit geht.

Diese Entwicklungen sind – typisch Immobilienwirtschaft – mit einigen Jahren Verzögerung nun auch in der Immobilienwirtschaft angekommen. Noch sind es wenige, aber selbst die ganz großen Unternehmen der Branche beginnen damit, PropTech-Lösungen zu nutzen. Sie müssen es tun. Wer in Zeiten zunehmender Kapitalmarktorientierung bei einem breiten Angebot an effizienz- und effektivitätssteigernden technischen Lösungen nicht zugreift, gerät bei seinen Aktionären und Investoren zunehmend in Erklärungsnot und läuft Gefahr, von der Konkurrenz abgehängt zu werden.

Architrave

Architrave ist beispielsweise auf die Digitalisierung und Klassifikation von immobilienwirtschaftlichen Dokumenten sowie die Datenextraktion spezialisiert. Mit Hilfe künstlicher Intelligenz gelingt es dem PropTech-Unternehmen, innerhalb kürzester Zeit große Mengen an Papier- und PDF-Dokumenten digital vollautomatisch zu erfassen und mit einer Trefferquote von über 90 Prozent zu klassifizieren. Bei 25.000 Papierdokumenten dauert der Erfassungsvorgang per Scan und OCR-Texterkennung fünf Arbeitstage und die automatische Zuordnung zu Dokumentenkategorien ganze sieben Minuten. Das Ende des Papierkriegs sorgt nicht nur für enorme Effizienzgewinne, sondern versetzt das Immobilienunternehmen in eine ideale Ausgangsposition für die digitale Abbildung und Optimierung der Geschäftsprozesse. Nach der Erfassung, Zuordnung und zentralen Ablage der Dokumente ist die Immobilie vollständig dokumentiert, wodurch Kaufpreisabschläge vermieden werden, die bei lückenhafter Dokumentation im Schnitt 4 Prozent erreichen.

Maurice Grassau, CEO von Architrave, ist der Ansicht, dass bei den Daten und Dokumenten ein Umdenken erforderlich ist. Im aktuellen Denken gehören die Daten dem Eigentümer. Architrave sieht das anders: Daten und Dokumente gehören der Immobilie. Wenn diese vollständig und zentral auf einer Plattform gespeichert sind, beschränkt sich der Aufwand bei einer Transaktion für die Übertragung an den neuen Eigentümer darauf, die Zugriffsberechtigung zu ändern.

PlanRadar

Sander van de Rijdt ist Gründer und Geschäftsführer von PlanRadar. Er kommt aus der Baubranche und hat sich irgendwann die Frage gestellt, ob man das mit der stets langwierigen, komplizierten und teuren Beseitigung von Baumängeln nicht besser lösen kann. Handschriftliche Notizen auf Grundrissplänen, unzählige Telefonate und einer sich zwangsläufig daraus ergebenden lückenhaften, oft katastrophalen Dokumentation – und das immer noch, bei den heutigen technischen Möglichkeiten? Bei Großprojekten geht die Zahl der Baumängel, die gerügt und beseitigt werden müssen, schnell in die Tausende, so dass selbst bei kleinen Verbesserungen im Baumängelmanagement durch die Skaleneffekte erhebliche Einsparungen möglich sind.

Building Information Modeling (BIM) ist zwar prädestiniert für ein effizientes Baumängelmanagement. Da aber darüber schon seit zwei Jahrzehnten im Wesentlichen ergebnislos herumdiskutiert wird, war es illusorisch, damit in absehbarer Zeit zu einer Lösung zu kommen. Auch die Vorstellung davon, dass der Polier, der es gewohnt ist, mit dem Grundriss in Form einer Papierrolle über die Baustelle zu gehen, plötzlich mit einem digitalen Gebäudemodell arbeiten soll, war etwas abwegig. Dass er es mit einem Tablet-PC tut, dessen Bedienung ihm ohnehin schon durch private Smartphone- und Tablet-Nutzung geläufig ist und anhand eines digitalisierten Grundrissplans die Baumängel erfasst und abarbeiten lässt, war dagegen durchaus realistisch. Damit ist das Geschäftsmodell von PlanRadar eigentlich schon vollständig erklärt.

PROMOS consult

PROMOS consult feiert in diesem Jahr sein zwanzigjähriges Firmenjubiläum. Das Unternehmen ist auf IT-gestützte immobilienwirtschaftliche Prozesse spezialisiert.

Neben zahlreichen anderen IT-Dienstleistungen bietet Promos seinen Kunden, die mit SAP® RE-FX arbeiten, ein Frontend, das auf die spezifischen Prozesse des Immobilienunternehmens zugeschnitten wird und auf Wunsch eine Lösungsbibliothek enthält, die mit zahlreichen typischen Prozessen der Immobilien- und Bauwirtschaft ausgestattet ist – ohne das Basissystem aufwendig umprogrammieren zu müssen und ohne Einschränkungen der SAP®-Funktionalität. Das Unternehmen löst damit das Problem der eingeschränkten Flexibilität des Basissystems und beseitigt Defizite in der Ergonomie und Bedienbarkeit.

Jens Kramer, Gründer und CEO von PROMOS, rät jungen PropTech-Start-ups, sich nicht einseitig auf die Bedürfnisse der Investoren zu konzentrieren, sondern vor allem auf die Bedürfnisse der Kunden. Die schönste und beste Idee wird nicht zum Erfolg führen, wenn sie technisch und vor allem wirtschaftlich nicht umsetzbar ist. Die Zukunft gehört laut Kramer cloudbasierten Plattformlösungen. Dass diese Aussage nicht nur ein Lippenbekenntnis ist, zeigt die von PROMOS entwickelte Cloud-Plattform „easysquare“. Immobilienwirtschaftliche Geschäftsprozesse sind durch diese Lösung über Online-Portale und Apps auf allen gängigen Systemen und Endgeräten für Objektmanager, Mieter, Interessenten und Dienstleister jederzeit und überall verfügbar. In der Wohnungswirtschaft ist der Handlungsbedarf noch groß: Der Vermietungsaufwand ist zu hoch und das Digital-Geschäft mit den Mietern ist noch zu erschließen. Auch in der Zusammenarbeit mit Handwerksbetrieben hapert es noch. Dass diese vom allzeit bereiten Bittsteller zum umkämpften und deshalb sorgfältig einzuplanenden Dienstleister geworden sind, hat sich bei vielen Wohnungsunternehmen scheinbar noch nicht rumgesprochen.

Fazit

Das Fazit aus den Gesprächen lautet: Die Türen für PropTech-Unternehmen sind weit offen. Die Rahmenbedingungen für Start-ups sind so gut wie nie zuvor. Ob Zukunftsmodell oder Eintagsfliege wird sich durch die Fähigkeit entscheiden, sich auf das zu konzentrieren, was ihre Kunden am meisten nervt und hierfür einfach einzuführende und zu bedienende Lösungen zu bieten. Diese müssen technisch umsetzbar sein sich betriebswirtschaftlich für die Kunden rechnen. Und sie dürfen sie nicht in technische und wirtschaftliche Abhängigkeiten bringen.

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Erstveröffentlichung: The Property Post

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