Integration in bestehende Systeme und Prozesse ist größte Herausforderung
Erscheinungstermin: Juni 2026
Herausgeber: EHI Retail Institute
Steigende Kosten, Fachkräftemangel und immer höhere Anforderungen an Liefergeschwindigkeit und Warenverfügbarkeit erhöhen den Veränderungsdruck auf die Handelslogistik. Damit wächst zugleich die Bedeutung automatisierter Logistikimmobilien, leistungsfähiger technischer Infrastruktur und einer Gebäudestruktur, die sich an neue Automatisierungs- und Robotikkonzepte anpassen lässt. Wie weit sind Handelsunternehmen bei Automatisierung, Robotik und KI bereits, welche Technologien setzen sie ein, wo liegen die größten Investitionshemmnisse und wie entwickeln sich die Anforderungen in den kommenden Jahren? Antworten darauf liefert das Whitepaper „KI und Automatisierung in der Handelslogistik 2026 – Aktuelle Entwicklung in der Intralogistik des Handels“ des EHI Retail Institute. Dazu wurden 36 Handelsunternehmen überwiegend aus Deutschland befragt.
Automatisierung erreicht die logistischen Kernprozesse
Mit durchschnittlich 5,3 von 10 Punkten weist die klassische Automatisierung den höchsten Reifegrad der drei untersuchten Technologiebereiche auf. Besonders weit entwickelt sind Lagerhaltung und Bestandsführung mit einem Automatisierungswert von 3,11 auf einer Skala von 1 bis 5, gefolgt von Kommissionierung mit 2,78 und Warenausgang und Versand mit 2,61. Automatische Lagersysteme werden bereits von 66,7 Prozent der befragten Händler genutzt, Schnittstellen und Integrationslösungen von 63,9 Prozent. Für Logistikimmobilien bedeutet diese Entwicklung, dass technische Gebäudeausstattung, Flächenlayout und IT-Infrastruktur zunehmend gemeinsam mit den intralogistischen Prozessen gedacht werden müssen. Vor allem moderne Distributions- und Fulfillmentimmobilien dürften deshalb stärker danach bewertet werden, wie gut sie automatisierte Prozesse baulich und technisch unterstützen können.
Investitionen in Automatisierung bleiben auf der Agenda
Die Investitionsbereitschaft der Handelsunternehmen ist hoch: 47,2 Prozent wollen in den kommenden drei Jahren hoch oder sehr hoch in Automatisierungsprozesse investieren, weitere 33,3 Prozent zumindest punktuell. Lediglich 2,8 Prozent planen keine entsprechenden Investitionen. Im Vorjahr waren es noch 8,5 Prozent. Wichtigster Treiber sind mit 91,2 Prozent erwartete Kostenersparnisse, gefolgt von Fachkräftemangel und Effizienzsteigerung mit jeweils 77,8 Prozent. Damit wird Automatisierung zunehmend zu einem Instrument, um die Wirtschaftlichkeit logistischer Standorte langfristig zu sichern. Für Eigentümer und Entwickler kann dies zusätzliche Investitionen in Stromversorgung, Dateninfrastruktur, Gebäudetechnik und automationsgerechte Flächenkonzepte erforderlich machen.
Hohe Investitionskosten bremsen die Transformation
Trotz des hohen Interesses bleiben die finanziellen und technischen Eintrittshürden erheblich. 69,4 Prozent nennen hohe Investitionskosten als wesentliche Herausforderung bei Automatisierungsprojekten, 58,3 Prozent technische Probleme bei der Integration in bestehende IT- und Logistiksysteme und 47,2 Prozent die hohe Komplexität der Umsetzung. Gleichzeitig beeinflussen technologische Entwicklung und Marktreife neuer Lösungen bei 74,3 Prozent der Unternehmen die Investitionsentscheidungen; die wirtschaftliche Lage und Finanzierungsoptionen folgen mit 65,7 Prozent. Damit gewinnt auch für Immobilieninvestoren die Frage an Bedeutung, wie flexibel ein Logistikobjekt auf unterschiedliche technische Systeme und künftige Modernisierungszyklen reagieren kann. Gebäude mit anpassungsfähiger Infrastruktur können gegenüber stark auf einzelne Technologien zugeschnittenen Lösungen langfristig Vorteile bieten.
Robotik bleibt bislang eine Ergänzung
Robotische Systeme kommen mit einem durchschnittlichen Einsatzgrad von 2,8 auf einer Skala von 0 bis 10 bislang deutlich seltener zum Einsatz als klassische Automatisierung. 42,9 Prozent der befragten Händler nutzen derzeit überhaupt keine robotischen Systeme; am häufigsten finden sie sich in Lagerung beziehungsweise Ein- und Auslagerung mit 34,3 Prozent sowie in der Kommissionierung mit 31,4 Prozent. Dennoch besitzt Robotik strategische Relevanz: 41,7 Prozent planen ihren Einsatz langfristig, 30,6 Prozent betrachten die Technologie bereits als wichtige Ergänzung und 11,1 Prozent sogar als zentralen Bestandteil ihrer Logistikstrategie. Das spricht weniger für einen kurzfristigen flächendeckenden Umbau von Logistikimmobilien als für einen schrittweisen Wandel ihrer technischen Anforderungen. Flexible Grundrisse, geeignete Bodenqualitäten und eine leistungsfähige digitale Infrastruktur können dabei an Bedeutung gewinnen.
KI konzentriert sich auf Planung und Prognosen
Auch künstliche Intelligenz steht in der Handelslogistik noch am Anfang: Der durchschnittliche Einsatzgrad liegt bei 2,6 von 10 Punkten. Am weitesten verbreitet sind KI-Anwendungen bei Nachfrage- und Absatzprognosen mit 47,2 Prozent, gefolgt von Transport- und Tourenplanung mit 33,3 Prozent und Bestandsmanagement mit 30,6 Prozent. Anwendungen unmittelbar im physischen Betrieb sind dagegen noch weniger verbreitet: KI-gestützte Lagersteuerung und Prozessoptimierung erreichen 19,4 Prozent, Predictive Maintenance lediglich 5,6 Prozent. Für die Immobilienwirtschaft liegt die kurzfristige Relevanz von KI daher vor allem in einer effizienteren Nutzung bestehender Logistikflächen und Anlagen, bevor sich daraus umfassende neue Gebäudekonzepte ergeben. Perspektivisch können datenbasierte Steuerungssysteme jedoch dazu beitragen, Flächen-, Anlagen- und Energieproduktivität stärker miteinander zu verzahnen.
Systemintegration wird zum Standortfaktor
Die größte Hürde für den KI-Einsatz ist weniger die Technologie selbst als deren Einbindung in bestehende Strukturen. 61,1 Prozent nennen die schwierige Integration in vorhandene Systeme und Prozesse, 50 Prozent die mangelnde Erklärbarkeit von KI-Entscheidungen und 47,2 Prozent eine unzureichende Datenqualität. Diese Ergebnisse unterstreichen die wachsende Bedeutung digitaler Infrastruktur auch für Logistikimmobilien. Je stärker Warenströme, Fördertechnik, Robotik, Gebäudetechnik und Energiemanagement miteinander kommunizieren, desto wichtiger werden standardisierte Schnittstellen und eine leistungsfähige Dateninfrastruktur. Die digitale Anschlussfähigkeit eines Gebäudes kann damit zunehmend Bestandteil seiner langfristigen Drittverwendungsfähigkeit werden.
Fachkräfteengpässe treiben Automatisierung – Qualifizierung bleibt notwendig
Der Personalmangel gehört für 77,8 Prozent der Befragten zu den wichtigsten Gründen für den weiteren Ausbau der Automatisierung. Gleichzeitig verfügen die Beschäftigten vieler Unternehmen noch nicht über ausreichende Kompetenzen im Umgang mit KI: 44,5 Prozent bewerten das Kompetenzniveau als gering oder sehr gering, weitere 33,3 Prozent als mittel. Entsprechend setzen 62,9 Prozent auf die Einbindung der Mitarbeitenden in Pilotprojekte, 60 Prozent auf aktive Kommunikation und 54,3 Prozent auf Schulungs- und Weiterbildungsangebote. Automatisierung dürfte den Faktor Arbeit in Logistikimmobilien damit nicht einfach ersetzen, sondern die benötigten Tätigkeitsprofile verändern. Bei Standortentscheidungen könnten deshalb neben der reinen Verfügbarkeit von Arbeitskräften künftig deren technologische Qualifikation und der Zugang zu entsprechenden Ausbildungsstrukturen stärker ins Gewicht fallen.
Vollautonome Logistikzentren bleiben Zukunftsmusik
Das sogenannte Dark Warehouse – ein weitgehend automatisiertes Logistikzentrum mit minimalem Bedarf an menschlicher Präsenz – bleibt vorerst ein langfristiges Szenario. 38,9 Prozent erwarten eine Umsetzung erst in mehr als zehn Jahren, 22,2 Prozent halten sie für ihren Bereich grundsätzlich nicht für realistisch. Gleichzeitig sieht etwas mehr als ein Viertel der Befragten entsprechende Ansätze innerhalb der kommenden acht Jahre als möglich an. Für Entwickler und Investoren spricht dies gegen die Annahme, dass konventionelle Logistikimmobilien kurzfristig durch vollständig autonome Gebäudekonzepte abgelöst werden. Wahrscheinlicher ist eine längere Übergangsphase, in der Gebäude sowohl menschliche Arbeitsprozesse als auch zunehmend automatisierte und robotisierte Abläufe unterstützen müssen.