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07.04.2016

Das gehört eingebimst

BIM steckt noch in Kinderschuhen

Mark Jäckel, Teamleiter BIM, Goldbeck GmbH
Mark Jäckel

Building Information Modeling (BIM) – in Deutschland steckt die computerbasierte integrierte 3D-Bauplanungsmethode noch in den Kinderschuhen. Umso dringender müssen Bauträger und Materialzulieferer ihre Arbeitsweise umstellen. Denn die Vorteile der multifunktionalen Projektsimulationen liegen eindeutig auf der Hand: Ob Kosteneffizienz, eine energetisch optimierte Gebäudetechnik oder die Wiederverwertbarkeit von Daten – wer zukünftig ohne BIM arbeitet, handelt unwirtschaftlich.

Wie so viele andere Phänomene der vernetzten Arbeitswelt hat Building Information Modeling (BIM) innerhalb weniger Jahre eine Branche revolutioniert. Wo früher Papierpläne und handgefertigte Projektzeichnungen die Planungsbüros dominierten, finden sich heute praktische Softwares mit 3D-Simulationen. Schon jetzt wird deutlich: Der unkomplizierte Datenaustausch und die Arbeit an einem integrativen Projektmodell ersparen eine Vielzahl an redundanten Prozessabläufen. Wer in Zukunft am Markt bestehen möchte, kann in seinem Geschäft ohne BIM nicht mehr auskommen.
Um es konkret zu machen: Es ist nicht allein das fertige Gebäudemodell, das den Planungszyklus vom Entwurf bis zum Bezug und dem späteren Betrieb plastisch darstellt.

Während der gesamten Projektphase lassen sich beliebig viele Daten einspielen. Ihre Auswirkungen werden sofort im Modell ersichtlich: Massen und Volumina der einzelnen Gewerke werden berechnet; Plausibilitäten und Kollisionen einzelner Fachplanungen transparent erkennbar. Zusätzlich ermöglicht die Simulation von Sonneneinstrahlung und Lichtverhältnissen eine energieeffiziente Planung von Dach, Fassade und Fensteranordnung. Solarmodule kommen dadurch energetisch höchst effizient zum Einsatz. Ein Vorteil für eine möglicherweise angestrebte DGNB Zertifizierung.
Informationen müssen also nicht mehr ständig neu aufgearbeitet und den Bedürfnissen der jeweiligen Projektpartei angepasst werden. BIM ermöglicht die Arbeit an einem integrierten, einheitlichen und verbindlichen Modell. Der Bauherr muss beteiligte Firmen nicht mehr einzeln um Fortschrittsberichte bitten. BIM illustriert ihm den Entwicklungsprozess mit allen erwünschten Detailangaben. Kostenänderungen und Zeitanpassungen werden automatisiert berechnet und fließen in die Budgetplanung und Baustellenlogistik ein.

Durch eine rollierende Prüfung der Plausibilitäten und Kollisionen von einzelnen Gewerken lassen sich mögliche Kollisionen schon im Modell beheben. Fehler oder Überraschungen auf der Baustelle werden somit weitestgehend vermieden. Die Vorteile der softwarebasierten Projektrealisierung ließen sich mühelos fortführen. Klar ist aber auch, dass BIM die beteiligten Parteien vor neue Herausforderungen stellt. Das solitäre Arbeiten von Fachplanern weicht einer durchgehenden gemeinschaftlichen Planung.

Die so gewonnene Gebäudetransparenz ist aber nicht nur für die Bauphase ein wichtiger Baustein, wenn Kosten durch ein geringeres Veränderungsmanagement spürbar reduziert werden. Sie liefert darüber hinaus die Grundlage für einen optimalen Betrieb des Gebäudes nach Fertigstellung über den gesamten Lebenszyklus: ein entscheidendes Argument für Investoren und Nutzer, zunehmend auf eine integrierte 3D-Planung zu setzen.
Dabei hat nicht nur die Wirtschaft, sondern auch die öffentliche Hand das Potenzial und die Schlagkraft von BIM längst erkannt. Desaster wie die Hamburger Elbphilharmonie oder der Flughafen Berlin-Schönefeld haben glücklicherweise zu einem Umdenken geführt. Sowohl die Bundesanstalt für Immobilienaufgaben als auch die Expertenkommissionen des Bundesverkehrsministeriums fördern die Verbreitung von BIM. Aller Voraussicht nach wird Deutschland eine EU-Richtlinie rasch umsetzen, die den Mitgliedsstaaten ab 2016 die verbindliche Anwendung von BIM bei öffentlichen Projektaufträgen erlaubt. Andere Länder sind da schon einen Schritt weiter: In den skandinavischen Ländern ist BIM bereits seit einigen Jahren bei staatlichen Ausschreibungen verbindlich vorgeschrieben, in den Niederlanden gilt diese Regel für alle Projekte über zehn Millionen Euro.

Umso erstaunlicher ist es, dass die deutsche Planerzunft immer noch sehr verhalten auf BIM reagiert. Laut einer Fraunhofer-Studie vom Frühjahr 2015 arbeiten drei Viertel aller befragten Planer ausschließlich oder überwiegend mit Analogmodellen. Rund 20 Prozent haben noch nie von BIM gehört. Dem gegenüber stehen immerhin 72 Prozent der Bauunternehmer, die einen hohen bzw. sehr hohen BIM-Implementierungsgrad aufweisen. Diese Zahl hat sich einer Umfrage von McGraw Hill zufolge seit 2013 nahezu verdoppelt. Doch der Trend zu einer allgemeinen Durchsetzung von BIM ist unaufhaltsam. Hier mag es eine Hilfe sein, zwischen den einzelnen BIM-Levels zu unterscheiden: Für den Anfang mag BIM 1 – also eine Mischnutzung von Analog- und Digitalmodellen – ein günstiger Einstieg in moderne Planungstechniken sein. Zurzeit ist BIM 2 sicherlich am weitesten verbreitet: Die beteiligten Parteien verwenden zwar BIM-Modelle während der gesamten Projektphase, doch die Zusammenführung der einzelnen Daten ist aufgrund eines niedrigen Kooperationsgrades noch rudimentär. In nicht allzu ferner Zukunft sollte ein einziges Modell, an dem alle Projektpartner arbeiten und auf das sie mittels Cloud jederzeit und überall zugreifen können, zum Standard werden: das Level BIM 3. Ist dies erst einmal erkannt, werden sich auch Planer, die das System des BIM heute noch belächeln, schnell eines Besseren belehren lassen.

Die Nutzungsrechte wurden The Property Post zur Verfügung gestellt von Goldbeck GmbH
Erstveröffentlichung: ImmobilienManager extra 12/2015