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Home-Office

Andere Länder – andere Sitten

Matthias Brodeßer, Head of International Transaction Management, Warburg-HIH Invest Real Estate GmbH
Matthias Brodeßer

Seit Dezember sind wieder zahlreiche Kontaktbeschränkungen in Kraft. Für viele Menschen bedeutet das ein Arbeitsleben im Home-Office. Ist dieser Zustand aufgrund von Corona das “new normal“ in der Arbeitswelt von morgen?
Fakt ist, dass die Corona-Pandemie lediglich ein „Trend-Beschleuniger“ einer sich bereits seit Jahren abzeichnenden Entwicklung ist. Und diese ist von Land zu Land in Europa unterschiedlich. Eine Studie der Europäischen Kommission zur Nutzung der Telearbeit zeigt, dass die Corona-Pandemie nicht der große Gleichmacher in Bezug auf das Arbeiten von zu Hause ist. Beispielsweise war in den Niederlanden und Schweden bereits vor Covid-19 das Arbeiten von zu Hause mit einem Anteil von knapp 40 Prozent der Bürobeschäftigten sehr weit verbreitet. Deutschland war bei der Büropräsenz hingegen deutlich traditioneller: Hierzulande war der Anteil der Home-Office-Nutzung vor der Pandemie mit lediglich 13 Prozent nahe am EU-weiten Durchschnitt (knapp 15 Prozent) und damit nicht einmal halb so hoch wie in Schweden.
Auch bei der Zunahme von Home-Office während der Pandemie zeigten sich deutliche Unterschiede, wie Umfragen der EU-Kommission belegen. Über ein Drittel (37 Prozent) der derzeit in der EU Beschäftigten begann infolge der Pandemie mit der Telearbeit. Der größte Anteil der Arbeitnehmer, die von zu Hause aus arbeiten, ist in den nordischen Ländern und in den Benelux-Ländern anzutreffen (fast 60 Prozent in Finnland und über 50 Prozent in Luxemburg, den Niederlanden, Belgien und Dänemark und 40 Prozent oder mehr in Irland, Schweden, Österreich und Italien). In Deutschland waren es nur rund 35 Prozent.  

Home-Office-Anteil steigt nicht in allen EU-Ländern stark an
Die Zahlen zeigen, das Home-Office in jedem Land ausgehend vom Prä-Corona-Level in einem gewissen Maß zunimmt. Aber nicht überall im gleichen Ausmaß. Insbesondere Personen, die bereits vorher Telearbeitserfahrung gesammelt haben, arbeiten während der Pandemie im Home-Office (56 Prozent). Bei den Arbeitnehmern, die vor der Pandemie noch nie von zu Hause gearbeitet haben, liegt der Anteil mit 24 Prozent deutlich niedriger.

In Deutschland war die Home-Office-Arbeit bereits vor der Pandemie auf einem niedrigen Level und die Zunahme in Zeiten des Lockdowns nicht so hoch wie in anderen Staaten. Deutschland ist im Hinblick auf den Arbeitsort eher traditionell und weist eine relativ hohe Büro-Präsenz auf. Das heißt: Corona wird also nicht zu europaweit einheitlichen Home-Office-Quoten führen.

Die Nutzung von Home-Office ist auch abhängig von persönlichen Gegebenheiten der Arbeitnehmer. So ist die Wohnungssituation in europäischen Top-Städten aufgrund hoher Mieten wie in London oder Paris angespannt. Wegen beengter Wohnverhältnisse in Wohngemeinschaften oder kleinen Apartments suchen – vor allem junge Angestellte – eher das Büro auf. Home-Office ist daher keine dauerhafte Option. Andere Arbeitnehmer wiederum schätzen das Arbeiten zuhause, um zumindest hin und wieder den Alltag zu entzerren. So entfallen die Pendelzeiten für die Fahrt ins Büro – ebenso der oft damit einhergehende Stress. Ob dies der Work-Life-Balance nun entgegenkommt oder gerade nicht – es ist umstritten, da im Home-Office die Abgrenzung zum Privatleben häufig schwerfällt.

Büros werden nicht abgeschafft, aber neu ausgerichtet
Für die Zeit nach der Pandemie ist die entscheidende Frage nicht, „ob“ wir die Büros weiterhin benötigen. Die Frage ist vielmehr, „wie“ die Büros beschaffen sein müssen, damit sie zukunftsfähig bleiben. Auf der Wunschliste der Büronutzer stehen moderne Raumlösungen mit innovativ gestalteten Arbeits- und Konferenzbereichen ebenso wie wohnlich konzipierte Ruhezonen und Pausenflächen. Dieser Trend wird weiter zunehmen. Zusammengefasst: Egal wie stark in den Ländern Home-Office genutzt wird – das Büro wird als zentraler Ort des Austausches gefragt bleiben. Allerdings wird dieser strukturelle Wandel unterschiedlich ausgeprägte Auswirkungen auf den Ankauf von Büroimmobilien haben und in den Allokationsstrategien des jeweiligen Landes entsprechend zu berücksichtigen sein.

Die Nutzungsrechte wurden The Property Post zur Verfügung gestellt von Warburg- HIH Invest Real Estate
Erstveröffentlichung: Immobilienmanager online, Dezember 2020

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