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Zuhause in der Gemeinschaft

Kriterien für Quartiersentwicklungen

Andreas Gräf, CDO, Instone Real Estate Group AG
Andreas Gräf

Ob Viertel, Quartier oder Kiez: Kleinere Einheiten innerhalb einer Stadt stiften im großen urbanen Raum Identität und Gemeinschaft. Damit Quartiere ein echtes Zuhause-Gefühl über die eigenen vier Wände hinaus vermitteln können, haben sich einige Punkte als Erfolgsfaktoren bewährt. Ihr gemeinsamer Nenner ist die konsequente Orientierung am Menschen.

London, Paris, Berlin: Die Metropolen Europas sind Millionenstädte, die als Gesamtkomplex kaum greifbar sind. Für den Beobachter von außen sind daher herausragende Bauwerke, die jeweiligen Wahrzeichen, eine naheliegende Orientierung beim Versuch, die Stadt in ihrem Wesen zu greifen. Doch es ist zweifelhaft, ob Big Ben, der Eiffelturm oder der Reichstag eine Stadt in ihrem Wesen ausdrücken können. Sinnvoller ist es, Stadtviertel als pars pro toto zu begreifen und über sie die Metropole besser zu verstehen. Und tatsächlich: Das Quartier Latin, Soho oder Kreuzberg sind nicht nur Aushängeschilder ihrer Städte nach außen, sondern stehen sinnbildlich und stellvertretend für die gesamte Metropole. Wie haben es diese Quartiere geschafft, aus der Masse an Stadtvierteln herauszuragen und repräsentativ für das urbane Ganze zu stehen?

Ein wesentlicher Grund hierfür liegt in der Aktivierung ihrer Bewohner. Quartiere sind soziale Bezugssysteme, stiften Identität im urbanen Raum und werden somit zu Gemeinschaftsorten. Handelt es sich um Viertel mit gewachsener historischer Tradition, ist die Anziehungskraft für kreative Köpfe per se gegeben. Architektur, kulturelle Institutionen, Parks oder ein originelles Einzelhandelsangebot garantieren dann Dynamik und Lebendigkeit. Sie prägen ihr Viertel, rufen zur Mitwirkung auf und werden somit zum gemeinschaftlichen Band zwischen den Bewohnern. Daher ist es eindeutig: Eine gelungene Quartiersentwicklung ist ganz und gar von den Menschen abhängig, für die das Quartier geschaffen wurde.

Aus der Geschichte lernen

Was bedeutet dieser Umstand für Projektentwickler, Bauträger und Investoren? In erster Linie soziale Verantwortung. Bedürfnisse müssen erfüllt werden – ein Grundsatz, der in den Planerstuben und Universitätsinstituten vergangener Jahrzehnte nicht berücksichtigt wurde. Die in den 1960er und 1970er Jahren neu errichteten Trabanten auf der grünen Wiese boten zwar bereits die auch heute notwendige Mischfunktion mit Wohnen, Arbeiten, Freizeit und Einzelhandel. Doch durch die Abkopplung vom Stadtzentrum, eine anonyme Hochhausarchitektur und Missachtung grüner Lungen handelt es sich heute vielfach um soziale Brennpunkte und nicht um Quartiere mit Ausstrahlungskraft. Reine Wohnsiedlungen, wie sie hierzulande noch in den 1980er Jahren mit dem Vorbild der US-amerikanischen Vorstädte (Suburbs) entstanden sind, vermögen es ebenso wenig, den Gemeinschaftssinn zu aktivieren. Ihnen fehlen nicht nur die Treffpunkte, sondern auch die Institutionen oder Bauwerke für eine eigene Quartiersidentität. In diesem Fall bleibt es beim reinen Nachbarschaftstreff, der zwar seine Daseinsberechtigung hat, aber keine Anziehungskraft für Außenstehende entwickeln kann. Aktuell wiederholt sich dieser Fehler am Beispiel der neu entstehenden „Gated Communities“, geschlossenen Siedlungen für Zielgruppen aus höheren Einkommensgruppen. Ihre generell bessere und zentrumsnähere Lage separiert sie gleichwohl von der Stadt. Die Produktivität ihrer Bewohner erschöpft sich in vielen Fällen an den jeweiligen Arbeitsplätzen. Sie werden dadurch zu Schlafsiedlungen, die – wie ihr Name schon sagt – Mitwirkung von außen oder gar Publikumsverkehr nicht kennen.

Natürlich kann ein neu gestaltetes Quartier nicht die Kopie der Innenstadt sein. Bereits durch ihre historische Bebauung und ihre frühzeitige Ansiedlung von stadtbildprägenden Bauten wie Museen, Kirchen oder Verwaltungsgebäuden nimmt die Innenstadt eine genuine und nicht wiederholbare Funktion wahr. Es ist dennoch unzweifelhaft, dass neue Quartiere in vielen Punkten Maß nehmen können an der Gestaltung des Stadtzentrums. Das betrifft zunächst ihre Funktionsvielfalt. Erdgeschossflächen können beispielsweise Einzelhändlern zugewiesen werden. Dies dient nicht nur der Nahversorgung mit Alltagsprodukten, sondern auch der Schaffung von Kommunikationspunkten. Gastronomische Angebote garantieren eine Belebung des Quartiers auch in den Abendstunden. Vereine, Sportclubs, Nachbarschaftsinitiativen und allen voran Bildungsträger sind als Treffpunkt ebenso geeignet. Es ist begrüßenswert, dass in zahlreichen deutschen Kommunen neue Quartiere nur unter der Auflage entstehen können, dass auch Kindertagesstätten und Flächen für andere Bildungseinrichtungen bedacht werden. Denn es sind gerade junge Familien, die das größte Engagement bei der Gestaltung ihres neuen Zuhauses aufbringen. Ehrenamt in jeder Form ist gleichwohl ein wichtiger Impulsgeber für die Quartiersentwicklung und kann durch die Bereitstellung entsprechender Flächen gefördert werden. Nicht zuletzt die Möblierung öffentlicher Flächen mit Bänken, Brunnen und Spielplätzen spielt für die Förderung von Treffpunkten eine wesentliche Rolle.

Nachhaltigkeit im umfassenden Sinn

Über den sozialen Charakter eines Quartiers hinaus gilt es, Aufenthaltsqualität durch eine umweltfreundliche Gestaltung zu schaffen. Gepflegte und großzügige Grünflächen leisten hierzu einen entscheidenden Beitrag. Im selben Zusammenhang ist eine ausgewogene Mobilität zu sehen: Neben den ohnehin vorgesehenen Autostellplätzen sind eben auch eine fußläufige Verbindung zum öffentlichen Nahverkehr, Fahrradwege und verkehrsberuhigte Zonen zu berücksichtigen. Eine ökologisch wertvolle Energieversorgung durch den Einsatz effizienter Techniken und natürlicher Baumaterialien ist ein Imagefaktor, der über den Umweltschutz hinaus gemeinschaftsfördernd ist. Ganze Quartiere können bei entsprechenden Vorzeigelösungen in den Mittelpunkt öffentlicher Aufmerksamkeit rücken. So führte die Deutsche Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen (DGNB) Quartierszertifizierungen ein. Anhand von 30 Kriterien stellen sie parallel zu den bekannten Gebäudezertifizierungen eine Anerkennung nachhaltiger Planung dar.

Ein nicht zu vergessender Faktor zum Aufbau einer eigenen Quartiersidentität ist die Einbettung in die Stadt. Neue Quartiere in Köln oder Stuttgart müssen anders aussehen als in Hamburg oder München. Im Falle von Konversionen alter Gewerbe-, Militär- oder Pflegeareale ist eine wichtige Hilfestellung gegeben, da historische Flächen bereits einen Beitrag zum gesamtstädtischen Charakter geleistet haben. Ein Beispiel hierfür ist der Wildpark in Düsseldorf. Als Mittelpunkt des Quartiers, das auf dem Gelände einer ehemaligen Ziegelei entstanden ist, dient hier die alte Brennkammer mit ihrem restaurierten Schornstein. Die entstandenen 400 Wohnungen haben unterschiedliche Größen und Häusertypen, womit sie sich an breite Zielgruppen wenden. Zu der Nahversorgungsqualität zählt unter anderem ein Biomarkt. Doch auch ohne historische Grundlage ist der regionale Wiedererkennungswert bei Quartiersentwicklungen unabdingbar. Ein Zuhause ist eben auch Heimat. Und sie definiert sich allen voran im Rahmen der lokalen Kultur.

Die Nutzungsrechte wurden The Property Post zur Verfügung gestellt von Instone Real Estate Group
Erstveröffentlichung: polis Magazin, 12/2017

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