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Lebenswerte Quartiere

Quartiersentwicklung statt Flächennutzungsplan

Kruno Crepulja, Geschäftsführer (CEO), formart GmbH & Co. KG
Kruno Crepulja

Wenn es um die Entwicklung zukunftsfähiger Quartiere geht, ist nicht nur Fingerspitzengefühl für die Bedürfnisse der künftigen Bewohner gefragt. Welche Maßnahmen müssen getroffen werden, um ein Quartier auch für die nächsten 50 Jahre zukunftsfähig zu gestalten? Thomas Rücker, Geschäftsführender Gesellschafter der Rueckerconsult GmbH im Gespräch mit Kruno Crepulja, Geschäftsführer (CEO) der formart und Stellvertretender Vorsitzender des ZIA-Ausschusses Wohnen.


Herr Crepulja, formart ist bundesweit aktiv – reicht da nicht ein gutes Quartierskonzept, das in jeder Stadt eins zu eins umgesetzt werden kann?
So einfach ist das leider nicht. Jede Stadt, jeder Stadtteil, jedes Projekt bietet andere Voraussetzungen und hat andere Ansprüche an ein zukunftsfähiges Quartier. Wenn es dieses neu zu entwickeln gilt, dann benötigt es viel Fingerspitzengefühl für die Bedürfnisse der künftigen Bewohner. Auf die richtige individuelle Mischung kommt es an – sowohl in Bezug auf die Nutzungsarten, die Architektur, die Infrastruktur als auch auf die Menschen. Aber natürlich fangen wir nicht jedes Mal bei Null an. Unsere langjährige Erfahrung zeigt, dass es gewisse Bausteine gibt, die ein Quartier wirklich lebenswert machen und das nicht nur heute, sondern auch noch in 50 Jahren.

Klingt nach einem Patentrezept – worauf kommt es bei Quartiersentwicklungen an?

Unabhängig davon welchen Aspekt wir betrachten, kommt es für uns auf allen Ebenen auf die richtige Integration in das Gesamtkonzept an. Sowohl städtebaulich, soziokulturell als auch ökologisch legen wir Wert darauf, dass ein Quartier im Inneren harmonisch aufgebaut ist und sich aber auch nach außen in Bezug auf das angrenzende Stadtgebiet integriert.

Was kann man sich darunter vorstellen?

Natürlich benötigen wir in den Metropolregionen in erster Linie mehr Wohnraum. Doch ein lebenswertes Quartier darf keine pragmatische Aneinanderreihung von Wohnblöcken sein, die nur als solche gebaut werden, weil es im Flächennutzungsplan steht. Ein Quartier ist viel mehr als nur Wohnen. Die Idee des neuen Baurechttyps „Urbanes Gebiet“ geht diesbezüglich bereits in die richtige Richtung. Städtebaulich betrachtet sollte sich ein neues Quartier vor allem in die städtische Gesamtidentität einbetten und Anschluss an Nachbar-Quartiere gewährleisten, damit keine Fronten geschaffen werden. Innerhalb des Quartiers sollten die vorhandenen Flächen effizient genutzt werden und Wohn- und Gewerbegrundrisse möglichst flexibel gestaltet werden, um verschiedene Optionen für eine Drittverwendung zu ermöglichen. Zur Förderung der Kommunikation innerhalb des Quartiers gilt es, ausreichend Freiflächen für Parks oder Aufenthaltsplätze einzuplanen und diese attraktiv zu gestalten.

Und was verstehen Sie unter soziokultureller Integration?

Stadtquartiere sollten sich gemäß der europäischen Tradition als Lebensorte verschiedener sozialer Schichten gestalten. Eine soziale Ausgewogenheit und Durchmischung unterschiedlicher Einkommensgruppen kann beispielsweise durch die Kooperation zwischen kommunalen und privaten Wohnungsunternehmen erreicht werden. Darüber hinaus sollte ein lebenswertes Quartier alle Zielgruppen - von Studenten, Paaren, Familien bis zu Senioren - ansprechen. Denn eine wesentliche Komponente für die Identifikation und die Zukunftsfähigkeit eines Quartiers bilden z. B. junge Familien. Dies bedarf neben dem Wohnraum auch Kindergärten und Schulen innerhalb des Quartiers und eventuell auch Angebote für Jugend- und Erwachsenenbildung. Neben einer gut erreichbaren Nahversorgung für den täglichen Bedarf sollten Quartiere von heute durch eine Auswahl kultureller, gastronomischer und sportlicher Angebote geprägt sein, um somit ein urbanes Flair zu vermitteln und Gewerbeflächen sowie Arbeitsplätze zu integrieren.

Gibt es noch weitere Anforderungen an ein lebenswertes Quartier?

Ja, den ökologischen Aspekt dürfen wir natürlich nicht außer Acht lassen. Energieeffizienz und die Verwendung nachhaltiger Baustoffe sind wichtige Kriterien in der Gebäudekonstruktion des Quartiers. Aus ökologischer und sozialer Perspektive sind zudem großzügige Grünflächen entscheidend. Sie dienen als Aufenthalts- und Freizeitflächen und begünstigen eine positive Ökobilanz des Quartiers. Zu guter Letzt sollte natürlich auch ein gut durchdachtes Mobilitätskonzept mit kurzen Wegen intergiert werden. Die Vorgaben regionaler Stellplatzverordnungen gehen längst nicht mehr mit den heutigen Bedürfnissen der Städter einher. Neben Bus- und Bahnanbindung gewinnen vernünftige Fahrradwege und Abstellmöglichkeiten wieder an Bedeutung.

Also geht die Tendenz vom Wohnungsentwickler zum Quartiersentwickler?

Richtig, denn reine Wohngebiete entsprechen nicht mehr dem Geist der heutigen Zeit. Wir müssen in Quartieren denken und all die aufgeführten Bausteine individuell berücksichtigen, um lebenswerte und zukunftsfähige Stadtentwicklung zu betreiben. Daher ist es wichtig, dass Städte und Gemeinden Projektentwickler möglichst früh in den Planungsprozess einbinden. Und eigentlich sind mit dieser ganzheitlichen Denkweise längst auch starre Flächennutzungspläne, in dessen Grenzen Bauanträge und Baugenehmigungen erteilt werden, ein steinzeitliches Relikt. Ein Bauvorhaben muss ein Quartier aufwerten, ergänzen und lebenswerter machen. Da darf aus meiner Sicht ein einmal festgelegter Flächennutzungsplan nicht im Wege stehen. Mehr Offenheit und Flexibilität würden dem nachhaltigen Entwickeln von Stadtteilen, in denen sich auch die Generationen von übermorgen wiederfinden, mehr als gut tun.

Die Nutzungsrechte wurden The Property Post zur Verfügung gestellt von formart GmbH & Co. KG
Erstveröffentlichung: CUBE Magazin Berlin, November 2016

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