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Risikofaktor Politik

Die wohnungspolitische Debatte geht weiter

Prof. Dr. Steffen Sebastian, Inhaber des Lehrstuhls für Immobilienfinanzierung, IREBS International Real Estate Business School
Prof. Dr. Steffen Sebastian

Prof. Dr. Steffen Sebastian über die anhaltende Niedrigzinsphase, den zunehmenden Aktionismus der Politik und politische Risiken am Wohnungsmarkt.

TPP: Herr Professor Sebastian, über eine mögliche Zinswende müssen wir uns derzeit keine Sorgen machen, oder?
Sebastian: Ja, das stimmt. Die Europäische Zentralbank EZB ließ Anfang des Jahres erneut verlauten, dass die Leitzinsen nicht nur aktuell, sondern auch zumindest bis zum Sommer nicht erhöht werden. Dies bestätigt meine Erwartung, dass sich mit dem Ende der Amtszeit von Mario Draghi die Geldpolitik der EZB nicht ändern wird und die Niedrigzinsphase noch deutlich länger andauern kann. Daher halte ich eine Erhöhung der Leitzinsen noch in diesem Jahr für unwahrscheinlich. Ich rechne außerdem damit, dass sich der Immobilienmarkt in den nächsten Monaten nur wenig entspannen wird. Die in der Vergangenheit zuweilen erzielten Spitzenpreise dürften jedoch immer seltener werden. Wir beobachten in diesem Segment eine zunehmende Zurückhaltung der Finanzierer.

TPP: Viele Marktteilnehmer werden momentan weniger von der Zinsfrage umgetrieben, sondern verfolgen die aktuelle politische Debatte mit Sorge.
Sebastian: Risiken gehen derzeit vor allem von einem zunehmenden Aktionismus der Politik in der Wohnungsfrage aus. Auch wenn Enteignung und Mietendeckel eher populistische Forderungen sein dürften, die politischen Risiken am Wohnungsmarkt nehmen zu. Dabei ist die Forderung nach möglichen Enteignungen unseres Erachtens nur ein populistisch zugespitztes Thema. Im Kern spiegelt es nur die Sorge der Politik wieder, weder für steigende Mieten noch für das Thema bezahlbaren Wohnungsneubau eine geeignete Lösung gefunden zu haben.

TPP: Wie schätzen Sie das Thema „Berliner Mietendeckel“ und Mietpreisbremse ein?
Sebastian: Den Vorschlag eines „Berliner Mietendeckel“ muss man meiner Meinung nach nicht ernst nehmen. Die Wahrscheinlichkeit, dass Berlin kraft Landesrecht eine eigene Mietpreisregulierung einführt, halt ich für sehr gering. Hingegen ist der Vorschlag der Bundesjustizministerin, die Mietpreisbremse über 2020 hinaus für weitere fünf Jahre zu verlängern, nicht nur wenig überraschend, sondern hat realistische Chancen auf Umsetzung.

TPP: Wie bewerten Sie diese Entwicklung?
Sebastian: Ich halte die politischen Entwicklungen für bedenklich. Marktwirtschaftliche Lösungen werden in allen Bereichen der Politik immer unpopulärer. Die jüngsten Vorschläge des Wirtschaftsministers für eine neue Industriepolitik zeigen auf, wie groß die Bereitschaft für staatliche Interventionen mittlerweile geworden ist. Die Wohnungspolitik war schon immer durch starke Regulierung gekennzeichnet. Es ist daher gerade hier damit zu rechnen, dass die Eingriffe des Staates weiter zunehmen. Investoren und Entwickler müssen sich des zunehmenden politischen Risikos im Wohnungsmarkt bewusst sein.

Die Nutzungsrechte wurden The Property Post zur Verfügung gestellt von IREBS, International Real Estate Business School
Erstveröffentlichung: TPP, März 2019

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