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„Sehr weit hinter der Kurve“

Maurice Grassau spricht über Künstliche Intelligenz, Datenmanagement und den Roboter DELPHI

Maurice Grassau, CEO, Architrave GmbH
Maurice Grassau

Frage: Bestseller-Autor Yuval Harari ist einer von denen, der vor der Künstlichen Intelligenz (KI) warnt, weil sie irgendwann Entscheidungen vorhersagen, Verhalten prognostizieren und Wünsche manipulieren kann. Sie sagen: „Digitalisieren oder untergehen“. Was macht für Sie KI aus?
Maurice Grassau (MG): Sie kann helfen Prozesse zu automatisieren. Davon gibt sehr viele – die wenigsten sind jedoch digitalisiert und an das Potenzial neuer Technologien angepasst. Die Immobilienbranche liegt, was dieses Thema betrifft, sehr weit hinter der Kurve. 60 Prozent aller weltweiten Assets sind Immobilienassets. Das heißt, dass ein Trillionen-Geschäft über Excel-Sheets und PDFs gemanagt wird. Das geht alles viel effizienter, schneller und genauer. Nur haben sich darüber seit Jahrzehnten zu Wenige Gedanken gemacht.

Frage: Die Immobilienwirtschaft muss sich also der Digitalisierung zuwenden? Wobei die Betonung hier auf ‚muss‘ liegt.
MG: Der Immobilienmarkt unterliegt Zyklen. Momentan wird sehr viel Geld verdient. Allen ist aber auch klar, dass das nicht ewig so weiter geht. Irgendwann werden die Transaktionsvolumina zurückgehen. Also bleiben die Fragen: Wie kann ich Kosten sparen, wenn die hohen Umsätze ausbleiben? Wie kann ich meine Mitarbeiter effizienter einsetzen? Habe ich erst noch Geld mit An- und Verkäufen verdient, habe ich vielleicht irgendwann nur noch die Mieteinnahmen.

Frage: Da könnte man sich zum Beispiel von Immobilien trennen, ein oder zwei Niederlassungen schließen.
MG: Man sollte die Vorteile der Digitalisierung sehen. Eine beispielhafte Fragestellung bei einem Ankauf für Fonds lautet: Welche Faktoren muss ich bedienen, damit eine Immobilie in mein Portfolio passt? Und wie kann ich diese Frage datenbasiert beantworten? Momentan haben wir es mit einer Schere zu tun. Es gibt eine Menge Firmen, die verschiedene Prozesse ausprobieren, technische Möglichkeiten testen. Und es gibt die anderen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass letztere Unternehmen in den kommenden Jahren noch so erfolgreich sind und mit denen mithalten, die Digitalisierung als einen natürlichen Prozess integrieren.

Frage: Eine große Rolle spielt Robotic Process Automation (RPA), für viele scheint das immer noch der Kernphysik sehr nah. Dahinter versteckt sich das Einsetzen einer Software, die manuelle, wiederkehrende und regelbasierte Prozesse und Aufgaben automatisiert, dabei auf die unterschiedlichsten Daten und Programme zugreift. Für die Buchhaltung kann sich das jeder noch halbwegs vorstellen. Welchen Vorteil hat es speziell für die Branche?
MG: Firmen wie Deka bekommen in ihrem Immobilienmanagement etwa 500.000 Dokumente pro Jahr. Das ist eine hochkomplexe Angelegenheit: Was ist das für ein Schriftstück? Allein die Identifizierung ist schwierig. Jedes Einzelne muss aufgemacht, gelesen werden. RPA lernt mit Hilfe der KI mit jedem Dokument dazu. Das ergibt einen Quantensprung in der Effizienz. Ich bekomme dann nur noch die relevanten Daten, die ich brauche. Der ganz große Vorteil neben der Effizienz: Ein Asset Manager kann sich wieder seinen Kernkompetenzen widmen.

Frage Was entgegnen Sie jenen, die einwenden, dass KI Arbeitsplätze vernichtet? Ihr KI-Roboter DELPHI klassifiziert Dokumente nicht nur, er benennt sie logisch, legt sie richtig ab ...
MG:
Natürlich verändert das die Aufgaben der Mitarbeiter. Das sollte von Anfang an in die Überlegungen einfließen, das Team muss mitgenommen werden. Wiederkehrende Routinetätigkeiten fallen weg, andere kommen hinzu. Das ist eine große Chance hin zur Rückbesinnung auf die Kernkompetenzen eines Immobilienmanagers.

Frage Welche Zeitspannen müssen in Firmen für die Implementierung eines solchen Systems eingeplant werden, und wie funktioniert der Prozess?
MG:
Das geht sehr schnell. Die Unternehmen bekommen unsere Software, mit der direkt gearbeitet werden kann. Wir stellen Schulungsvideos zur Verfügung, um alle Anwendungen zu zeigen. Zudem sind unsere Mitarbeiter in direktem Kontakt mit unseren Kunden.

Frage Welche Erkenntnisse gibt es zur Effizienz von DELPHI? Wie gestaltet diese sich im Vergleich gegenüber „normalen“ Personal?
MG
: Der Mensch arbeitet nicht fehlerfrei, erst recht nicht, wenn er stupide Tätigkeiten verrichtet. Tippfehler bei der Übertragung von Daten, falsche Ablage durch Unkenntnis oder auch Untätigkeit durch mangelnde Motivation. DELPHI hat durch Unmengen von Trainingsdaten einen enormen Wissensschatz, ist 24/7 im Dienst, nie krank und lernt täglich dazu. Abgesehen davon werden Zweifelsfälle in der Bearbeitung detektiert und durch unser Qualitätsmanagement geschickt. Genauigkeit und Tempo ermöglichen unterm Strich Produktivitätssteigerungen im Informationsmanagement um bis zu 40 Prozent. Die Investition macht sich also schnell bezahlt

Frage  Deka und Union Investment sind unter anderem bei Ihnen Minderheitsgesellschafter. Architrave wurde 2012 gegründet und gehört bereits jetzt zu den Leuchttürmen in Deutschland. Wie ist Ihre Vision für Ihr Unternehmen in zehn Jahren?
MG: Diese neue Technologie wird die Immobilienbranche verändern, egal wann welcher Zyklus greift. Das Ziel muss es sein, dass bei einer Transaktion beispielsweise lediglich die Nutzungsbeschränkungen geändert werden, der neue Eigentümer sofort Zugriff auf alles hat. Die globale Frage ist, ob wir es in Europa schaffen, einen Technologieplayer aufzubauen, der hier innovativ tätig wird, oder ob wir den Kopf in den Sand stecken und uns dann die Expertise aus Amerika oder Asien holen. Ich fände es schön, wenn wir das in Europa selbst schaffen würden. Architrave ist darauf vorbereitet. Wir haben große Flaggschiffe mit an Bord, sehr unterschiedliche Firmen in Minderheitsbeteiligungen. Die Kombination aus allem wird uns dabei helfen, zu einem europäischen Player zu werden.

Die Nutzungsrechte wurden The Property Post zur Verfügung gestellt von Architrave
Erstveröffentlichung: Immobilien Aktuell, Ausgabe 10/2019

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