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Unternehmenssitz Berlin

Was ist Corporate Real Estate Development?

Florian Lanz, Geschäftsführender Gesellschafter, Laborgh Investment GmbH
Florian Lanz

Herr Lanz, was verstehen Sie unter „Corporate Real Estate Development“?

Unternehmen verfügen über eine breite Palette unterschiedlicher Immobilientypen: Büroflächen für die Verwaltung, Produktionsstätten, Lagerhallen, Forschungszentren, Repräsentanzen etc. Sie sind Experten in ihrem jeweiligen Branchenumfeld, ihrem Kerngeschäft. Wachsen und schrumpfen Unternehmen oder ändern sich Produkte oder Produktionsprozesse, so hat dies direkte Auswirkungen auf Grundstücks- und Gebäudebedarf oder auf Gebäudestrukturen und –typen. Die frühzeitige Anpassung und vorausschauende Planung des künftigen quantitativen und qualitativen Flächenbedarfs kann dabei entscheidend für den nachhaltigen Unternehmensfortbestand sein. Dies umfasse ich gerne mit dem Begriff Corporate Real Estate Development im vollumfänglichen Sinne.

Bei dem Bedarf an einem neuen Standort umfasst es auch den vollständigen Prozess der Projektentwicklung – von der Grundstückssuche bis zur schlüsselfertigen Übergabe eines Gebäudes. Spezialisierte Corporate Real Estate-Fachabteilungen gibt es bislang nur in wenigen Unternehmen. Dies ist umso erstaunlicher, wenn man bedenkt, dass allein in der zweiten Jahreshälfte 2015 über 1,3 Milliarden Euro mit Unternehmensimmobilien umgesetzt wurden. Berlin lag dabei an erster Stelle. Es besteht also eine hohe realwirtschaftliche Nachfrage nach Grundstücken und Gebäuden in der Hauptstadt.

Was macht Berlin so reizvoll?

In keiner anderen Stadt Deutschlands und vielleicht sogar Europas haben wir eine solche Fülle architektonischer Schmuckstücke aus der Zeit der Industrialisierung. In preußischen Zeiten war Berlin das industrielle Herz unseres Kontinents. Zwar zogen die Unternehmen nach dem Zweiten Weltkrieg in andere Städte, doch die Immobilien blieben. Nach langen Jahren des Dornröschenschlafes ist die Revitalisierung dieser imposanten Gewerbehöfe aus der Jahrhundertwende wieder in den Mittelpunkt gerückt. Zudem gibt es in bester Lage verfügbare Flächen, die sich für attraktive Repräsentanzen eignen. Zwei weitere wichtige Gründe dafür, dass Unternehmen ihren Standort nach Berlin verlagern, eine Niederlassung gründen oder eine Repräsentanz eröffnen, sind die Breite der technischen, akademischen Ausbildungen und der Boom innovativer Startups. Nirgendwo in Deutschland werden so viele Unternehmen gegründet wie in Berlin.

Es geht also um Immobilien, die in erster Linie als Visitenkarte dienen. Gebäude als Komponente der Marketingstrategie aufzufassen, mag für viele Ohren in der deutschen Wirtschaft noch sehr fremd klingen.

Deutsche Unternehmen setzen beim Thema Immobilien noch zu sehr auf Pragmatismus, vernachlässigen dabei aber den nachhaltigen Eindruck, den eine repräsentative Niederlassung in den Medien und der Öffentlichkeit zu erzielen vermag. Unsere erste Assoziation bei Weltkonzernen wie Siemens oder Bayer ist eine gigantische Fabrikfläche mit rauchenden Schornsteinen. Bei Apple hingegen denken wir an die schick designten Stores mit ihrem eleganten Minimalismus. In Deutschland fehlt noch ein Gespür für die Möglichkeit, dass die diversen Niederlassungen das Corporate Design widerspiegeln können. So eignen sich beispielsweise für traditionsreiche Unternehmen Konzernrepräsentanzen in altehrwürdigen Gemäuern ganz hervorragend. Besonders innovative und junge Unternehmen setzen hingegen auf großzügige Designflächen – entweder im Neubau oder im historischen Gewand. In Berlin bietet sich diese einzigartige Verknüpfung von verfügbaren Standorten, einem international-kreativen Ambiente und der Erreichbarkeit breiter Zielgruppen. Letzteres garantieren knapp vier Millionen Einwohner und rund 20 Millionen Touristen pro Jahr. Aber ich möchte Berlin nicht auf die Stadt der politischen oder reputationsträchtigen Repräsentanzen beschränken. Unternehmen kommen auch nach Berlin, weil sie hier die notwendigen gebildeten Fachkräfte für Forschung und Entwicklung finden, was in ländlichen Regionen nur schwer möglich ist.

Welchen Herausforderungen begegneten Sie bei Ihren bisherigen Corporate Real Estate-Projekten in Berlin?

Da wir bereits mit der Akquisition verantwortlich in ein Projekt einsteigen, bedarf es tiefgreifender Kenntnisse des Berliner Marktes. Freie Flächen zu kennen und attraktive Gebäude zu lokalisieren, bildet die Grundvoraussetzung unserer Arbeit. Daraufhin gilt es, diese Immobilien zwischen Kundenwünschen und Berücksichtigung des historischen Charakters behutsam zu sanieren und umzufunktionieren. Juristische wie auch bautechnische Expertise ist unabdingbar. Es bedarf eines intensiven Abstimmungsprozesses zwischen Auftraggeber und Genehmigungsbehörde, um am Ende einen architektonischen Blickfang als Aushängeschild des Unternehmens zu erhalten. Am Prenzlauer Berg haben wir die 15.000 Quadratmeter große Rinderauktionshalle aus den 1870er Jahren, die seinerzeit zu den größten überdachten Eisenstahlkonstruktionen Deutschlands zählte, zum repräsentativen Vertriebsstandort für einen Fahrradhersteller umgewandelt. Auf dem Gelände der ehemaligen Bötzow Brauerei an der Prenzlauer Allee entwickeln wir auf 24.000 Quadratmetern einen Forschungs- und Kulturstandort für ein Medizintechnikunternehmen aus Niedersachsen. Bei diesem Projekt mischen sich alte Struktur und neue architektonische Elemente zu einer spannenden Symbiose.

Repräsentanzen, Forschungszentren, Kulturforen: Hat das klassische Bürohochhaus als Unternehmensniederlassung ausgedient?

Uninspirierte Türme mit kleinen Büroparzellen haben definitiv ausgedient. Solche außen wie innen unattraktiven Immobilien haben fast schon rufschädigenden Charakter für eine Firma. Heute sind Unternehmen ja viel breiter aufgestellt: Sie haben ausgeklügelte multimediale Werbestrategien, treten als Sponsoren von Kulturevents auf und sind sozial engagiert. Dieses weitläufige Betätigungsfeld sollte sich auch in ihren Immobilien widerspiegeln. Für ein vielfältiges Objektangebot und die Ansprache weiter Kreise ist die Bundeshauptstadt der ideale Standort.

Die Nutzungsrechte wurden The Property Post zur Verfügung gestellt von Laborgh Investment
Erstveröffentlichung: Cube Magazin, Juni 2016