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10.09.2015

Mehr Kreativität und Partizipation

Politiker schrumpfender Kommunen müssen Potenzialen zum Durchbruch verhelfen

Mag. arch. MAS MBA Roland Gruber, Gründer, Partner, Geschäftsführer, nonconform zt gmbh
Mag. arch. MAS MBA Roland Gruber

Zahlreiche Gemeinden sowie Klein- und Mittelstädte abseits der deutschen Metropolen leiden seit Jahren an Landflucht, Überalterung, Verödung der Zentren und dem Rückzug des lokalen Einzelhandels – ein Teufelskreis, aus dem es scheinbar keinen Ausweg gibt.

Allerdings darf die Kommunalpolitik nicht einfach nur schicksalsergeben den Kopf in den Sand stecken und der Entwicklung hilflos zusehen. Sie muss vielmehr mit Mut und Tatkraft völlig neue Möglichkeiten erwägen und Umsetzen. Die Erfahrung zeigt, dass dies möglich ist – gerade im ländlichen Raum. Zentrales Ziel dabei ist die Wiederbelebung bzw. Weiterentwicklung des Ortszentrums und damit die Steigerung der Attraktivität des Ortes als Ganzes.

Dafür gibt es allerdings keine Standardlösungen. Jeder Ort ist anders und hat seine eigene DNA, an jedem Ort lassen sich andere Möglichkeiten realisieren. Daher ist eine Einbeziehung aller Beteiligten von Politik und Verwaltung, über Experten bis zu Wirtschaft und Bürger unabdingbar. Leider werden letztere oft vergessen, dabei sind gerade die Bürger die Experten vor Ort. Denn sie kennen ihre Stadt und Gemeinde am besten und haben oftmals gute und zukunftsweisende Ideen. Dies wiederum ist eine wesentliche Basis für nachhaltige Lösungen und eine breite Akzeptanz der Maßnahmen.

Von besonderer Bedeutung ist die adäquate und effiziente Steuerung des Ideenfindungsprozesses mit den Bürgern und anderen lokalen Akteuren. Dies erfolgt am besten durch spannende und „nonconforme“ Formate, die von externe Moderatoren mit Erfahrungen in der strukturierten Moderation solcher Prozesse begleitet werden. Diese „Ortskernentwickler“ können zuhören, sind kreative Zukunftsgestalter und verfügen über die notwendige Fachkompetenz. Zudem haben sie den großen Vorteil, dass sie frei von regionalpolitischen Zwängen agieren können.

In der Regel steht am Ende eines solchen Prozesses niemals nur eine einzige Lösung, sondern immer eine Bandbreite mehrerer Szenarien. Ziel ist es, nicht den kleinsten gemeinsamen Nenner, sondern den schönsten und attraktivsten auszuwählen. Wichtig ist, dass die Lösung auch realisierbar ist, denn nur umgesetzte Beispiele bringen die notwendige Dynamik und stoßen eine Weiterentwicklung an. Wie individuell die Maßnahmen sein können, zeigt das Beispiel der Kleinstadt Haag in Niederösterreich. Dort hat der im Jahr 2000 erstmals veranstaltete, und seitdem alljährlich stattfindende „Theatersommer“ zu einer erheblichen Belebung des verödeten Stadtkerns geführt. Das Event zieht regelmäßig 15.000 Besucher an – dreimal so viele wie die Stadt Einwohner hat. Entstanden ist der Theatersommer genau in einem solchen Prozess mit dem Ziel, ein verödetes Stadtzentrum mit einem wunderbaren aber trostlos gewordenen Hauptplatz wiederzubeleben. Dort war der wöchentliche Markt verschwunden, Restaurants wurden geschlossen und tags sowie nachts fand kein öffentliches Leben mehr statt. Heute ist der Platz wieder zum besuchten Zentrum geworden, viele Leerstände wurden mit neuem Leben gefüllt, die Restaurants sind wieder aktiviert worden und zusätzlich kamen die Touristen dazu.

Neben der Partizipation der Bürger ist die Funktionsvielfaltein zweiter wichtiger Erfolgsfaktor für die Belebung eines Ortskerns. Die Zeiten, in denen Wohnen, Arbeiten und Einkaufen strikt voneinander getrennt und an unterschiedlichen Orten stattfanden, sind vorüber. Heute gilt: Je mehr Ansprüche der Menschen im Ortskern befriedigt werden können, desto mehr Menschen werden das Angebot nutzen. Dabei geht es nicht nur um die Bedürfnisse Wohnen oder Einkaufen, sondern auch um Aufenthaltsqualität, die Organisation des Verkehrs oder das Image eines Ortes. Die unterschiedlichen Bedürfnisse lassen sich auch innerhalb eines einzelnen Gebäudes befriedigen. Dazu ein Beispiel: Ein Rathaus in der Provinz fungiert nicht mehr nur als Amtsgebäude, sondern auch zugleich als Jugendtreff, Eltern- und Vereinscafe, Versammlungsort der Bürger, Postanlaufstelle, Tourismusinformation oder Standort für den Wochenmarkt.

Die genannten Beispiele zeigen: Der Abwärtsspirale in vielen ländlicher Gemeinden kann etwas entgegen gesetzt werden. Die kommunalen Entscheider müssen dafür allerdings ausgetretene Pfade verlassen und kreative, partizipative und nach vorne gerichtete Ideen abseits von bekannten Funktionalitäten umsetzen. Rückenwind bekommen sie oft in Form von Fördermitteln, was viele Provinzkämmerer leider nicht wissen. Allerdings ist ein langer Atem gefragt – eine funktionierende Zentrumsbelebung braucht leidenschaftliche Kümmerer und kann sehr wohl zehn Jahre dauern.

Die Nutzungsrechte wurden The Property Post zur Verfügung gestellt von nonconform zt gmbh
Erstveröffentlichung: The Property Post, September 2015