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24.05.2022

Hausen und Behaust-Sein

Überlegungen zu einer Folgen-Ethik

Dr. Kurt E. Becker, Freier Journalist, RUECKERCONSULT GmbH
Dr. Kurt E. Becker

Politisch gewaltsames Hausen zielt darauf ab, entweder eigenes Behaust-Sein zu sichern oder aber einen Zustand des Behaust-Seins für sich selbst herzustellen, den der andere bereits erreicht hat und dessen Qualität des Behaust-Seins usurpiert werden soll. Die sichtbare, wie auch immer zu bemessende und zu bewertende Effektivität des Hausens beim einen weckt den Neid beim anderen. Mit entsprechenden Folgen. Und zu berücksichtigen in allen Überlegungen ist, dass Behaust-Sein in absehbarer Zukunft zum – nachvollziehbar – angestrebten Ziel von zehn Milliarden Menschen auf unserem Planeten werden wird.

Schon die schiere Statistik muss uns nachdenklich machen und unser Menschenbild, das Bild, das wir von uns selbst haben und uns machen, einer kritischen Prüfung unterziehen. Der „Nahkreis des Handelns und der Verantwortung“, wie er von der abendländischen Antike bis zur industriellen Revolution eine gewisse Verbindlichkeit beanspruchen durfte, ist obsolet geworden. Wir brauchen eine Verantwortungsethik, die die Möglichkeit der Apokalypse mitdenkt und vorausschauend Strategien und Konzepte zu deren Vermeidung entwickelt, eine Folgen-Ethik, quasi. Was folgt daraus ganz pragmatisch und aktuell für uns als Hausende und Behauste?

Charta des Hausens

Versuchen wir, aus unseren Überlegungen Schlussfolgerungen und Maximen zu formulieren, so gelangen wir zu einer Art „Charta des Hausens“:

  • Selbsterkenntnis (gnothi seauton lautet eine der überlieferten Inschriften am Tempel des Apollon in Delphi: Erkenne dich selbst) ist wie immer die Voraussetzung von allem, auch vom Behaust-Sein und Hausen im Individuellen, im Sozialen und im globalen Kollektiv der Spezies. Denn nur im Verständnis eines individuell interpersonellen und eines gleichzeitig auch globalen „Miteinander“ lassen sich Risiken minimieren.
  • Erkenne dich selbst in deinem Behaust-Sein und Hausen, ziehe selbstkritisch sinnvolle Schlussfolgerungen aus deinen Einsichten und setze diese konsequent in Taten um, so beschwerlich dies auch immer sein mag.
  • „Behaust-Sein und Hausen“ ist nicht zuletzt das Governance-Thema par excellence in einer so und nicht anders gewordenen und vom Menschen zu verantwortenden Welt, im nationalen und im globalen Maßstab.
  • „Behaust-Sein und Hausen“ brauchen eindeutige Begriffe. Denn nur eindeutige Begriffe ermöglichen „Good Governance“, in welchem System auf dieser Welt auch immer.
  • Good Communications gehen Good Governance logisch und faktisch voraus, begleiten diese unabdingbar im Prozessualen und sind auf jeden Fall substanziell auch Kern bei der Beantwortung der mit dem „Behaust-Sein und Hausen“  verbundenen Fragen und deren Beantwortung nicht nur in einer demokratisch verfassten Gesellschaft. Denn Antworten bedeutet Verantworten überall auf der Welt in jedem Gesellschaftssystem. Good Communications und Good Governance sind prinzipiell zwei Seiten derselben Medaille. Und beide sind letztendlich Mittel zum (verbindlich definierten „guten“) Zweck.
  • In der Sache selbst geht es um eine ausgewogene Balance zwischen natürlicher und menschengemachter Umwelt. Für letztere gilt die Tugend des Maßhaltens, aber auch der Anspruch der aus dem Dominium terrae abzuleitenden Schutzmaßnahmen vor der imponderablen Natur.
  • Maßhalten ist auch die verbindliche Maxime im Sozialen, das das Individuelle miteinschließt und sich zum Beispiel in unserer Gesellschaft nicht zuletzt an einem Grundrecht auf (bezahlbares) Wohnen zu orientieren hat und darüber hinaus inklusives Verhalten im Umgang der Menschen unter- und miteinander überall auf der Welt als Selbstverständlichkeit akzeptiert.
  • Für das Individuelle gilt das Jedefrau/Jedermann-Prinzip im sokratischen Sinn: Prüfe unter Einbezug der Bedürfnisse der anderen, auch künftiger Generationen, was du deinerseits zu deinem sozial nachhaltigen, inklusiven „Behaust-Sein und Hausen“ wirklich brauchst.

Das größte Risiko bei der Verlebendigung dieser Charta? Der Mensch selbst mit all seinen Irrationalitäten und seiner Befähigung zum Guten und Bösen.

Die Nutzungsrechte wurden The Property Post zur Verfügung gestellt von Dr. Kurt E. Becker
Erstveröffentlichung: Behaust-Sein und Hausen. Ein mensch(heit)liches Dilemma: Apokalypse inklusive?, Lindemanns, Bretten 2022, S. 52-55

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