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09.12.2015

Immobilienbildung 2.0

Das zentrale Thema der Aus- und Weiterbildung konnte in der Politik noch nicht genügend platziert werden.

Prof. Dr. Nico Rottke, Executive Director of Real Estate Management Institute, EBS Universität für Wirtschaft und Recht gGmbH
Prof. Dr. Nico Rottke

Web 2.0, Büro 2.0, Demokratie 2.0, Generation 2.0: alles ist heute „2.0“ – obwohl das Schlagwort mit dem Versionsnummern-Appendix eigentlich bereits seit etwa zwei Jahren laut ‚google trends‘ im Internet durch die Begrifflichkeit der „social media“ eingeholt und überholt wurde. Wofür steht 2.0? Es geht um Nutzer, die nicht nur konsumieren, sondern als „Prosumenten“ auch Inhalte zur Verfügung stellen. Grundsätzlich geht es nicht um Weiterentwicklung im Sinne einer linearen Fortschreibung, sondern um radikale Neuentwicklung im Sinne eines Perspektivenwechsels. Ist ein solcher Perspektivenwechsel für die deutsche Immobilienbildung notwendig? Diese Frage lässt sich kaum beantworten, da – aufgrund der Multidisziplinarität des Fachgebietes – die eine Immobilienbildung nicht existiert. Auch allein für den wirtschaftswissenschaftlichen Teil des Fachgebietes fällt eine Antwort schwer.

Immobilienbildung hat sich ab 1990 in Deutschland im wirtschaftswissenschaftlichen Bereich zuerst über die berufsbegleitende Weiterbildung erschlossen: der Bedarf war enorm. Die Zeit, staatliche Studiengänge zu konzipieren, zu etablieren und fünf Jahre auf Absolventen zu warten, die noch viele Jahre benötigt hätten, um in den Führungsetagen der Immobilienwirtschaft Einzug zu halten, war nicht gegeben, weshalb sich im Zertifikatsbereich an Hochschulen postgraduale Studiengänge entwickelten, die in der Regel als „Kontaktstudium Immobilienökonomie“ Führungs- und Führungsnachwuchskräfte zu „Immobilienökonomen“ ausbildeten. Die Inhalte dieser Studiengänge sind bis heute mit einem interdisziplinären Studium Generale der Immobilienwirtschaftslehre gleichzusetzen. Eine ganze Generation von Managern der deutschen Immobilienwirtschaft durchlief diese Programme zur Befriedigung des Bedarfs an akademisch qualifizierten Fachleuten auf Führungsniveau.

In einer zweiten Welle entwickelten sich ab Mitte der 90er Jahre Diplom-Studiengänge, die das Fachgebiet der Immobilienwirtschaftslehre im Erststudium unterrichteten. So wurde die entstandene Bildungslücke in Deutschland über die Zeit „von oben“ und parallel „von unten“ geschlossen – der Bildungsstau neigt sich dem Ende. Aus einer Situation eines Monopolanbieters von 1990 wurde im Zeitverlauf von 20 Jahren ein gesamtdeutscher Markt mit knapp 130 angebotenen Studiengängen.

Dann setzte 1999 der Hochschulreformprozess aus Bologna mit den bekannten Folgen ein, die auch vor dem immobilienwirtschaftlichen Bildungssystem keinen Halt machen:

Das Bildungssystem ist zweigeteilt in Bachelor- und Masterstudiengänge und wird auf europäischer Ebene durch die Harmonisierung der Abschlüsse homogenisiert und transparent. Die Grenzen zwischen Aus- und Weiterbildung verschwimmen im lebenslangen Lernen, eine Unterteilung in Vollzeit- und berufsbegleitende Studiengänge wird sinnvoll. Aus dem Konzept des lebenslangen Lernens (LLL) wird ein Berufszyklus begleitendes Bildungskonzept (BBB).

Einem Schulabgänger und somit Studien- oder Berufsanfänger stellt sich im Berufslebenszyklus nicht mehr die Frage, was er oder sie studiert, sondern was er oder sie wann und wie und genau wo in welcher Form studiert: die Kombination und Differenzierung des Status als Mitarbeiter, Spezialist, Führungsnachwuchskraft oder Führungskraft für Themenfelder in den Bereichen des Fach-, Führungs- und Methodenwissens mit Abschlüssen im Zertifikats- oder im universitären Bereich – oder einer Symbiose aus dem vorbenanntem. Es verschmelzen ebenfalls universitäre Lehre und „Corporate Education“. Eine Justierung des „LLL auf BBB“ fordert das Zusammenarbeiten von Universitäten und Industrie hin zu einem Gesamtmodell der Mitarbeiterentwicklung und -bindung. Akkreditierer wie die deutsche FIBAA haben dies längst erkannt. Darauf, dass die Bildungslandschaft und vor allem die Immobilienindustrie integrierte Gesamtkonzepte benötigt und keine Insellösungen, dass die (immobilienwirtschaftliche) Weiterbildung nicht nur in Form von Studiengängen, sondern auch in Form von „Corporate Education“ in Zusammenarbeit mit Hochschulen – ein in Deutschland verschlafener Strukturtrend – umgesetzt werden muss, wird aktuell von Vordenkern wie beispielsweise der Expertenkommission Forschung Innovation im Jahresgutachten 2012 nachdrücklich hingewiesen. Dies schildert auch DGWF-Vorsitzender Dr. Martin Beyersdorf eindrücklich im duzMagazin mit den Worten: „Der gesellschaftliche Bildungsauftrag der Hochschulen wird künftig vor allem die Weiterbildung sein und weniger die Ausbildung von Akademikern. […] Die Arroganz der Wissenschaft wird möglicherweise begrenzter sein, wenn die Studenten fehlen“ (08/2011).

Schließlich gehört zu einem Perspektivenwechsel auch die Finanzierungsfrage nicht nur der Lernenden, sondern auch der Lehrenden: Weltweit sind viele Bereiche der immobilienwirtschaftlichen Forschung und Lehre stiftungsfinanziert. Dies ist auch in Deutschland absolut notwendig, da der Staat Lehrstühle in diesem Bereiche leider, trotz der herausragenden Bedeutung der Industrie, nicht fördert. Diese bedenkliche Allokation von Ressourcen ist kaum verständlich und gegebenenfalls nur damit zu erklären, dass dem Fachgebiet nach wie vor auf der einen Seite der Reifegrad abgesprochen wird, als universitäre Disziplin oder entstehende Disziplin zu gelten. Auf der anderen Seite ist dies vor allem damit zu erklären, dass die Immobilienwirtschaft als solches mit ihren über 60 verschiedenen Verbänden immer noch so wenig organisiert ist, dass das zentrale Thema der Aus- und Weiterbildung des Nachwuchses und von Managern in der Politik noch nicht genügend platziert werden konnte.

Allerdings ist das Stiftungswesen in Deutschland, auch durch das mehrmalige Vernichten von Kapital durch zwei Weltkriege, anders ausgeprägt als bspw. in den USA oder Großbritannien: Gilt hier das Prinzip des „giving back“ von Privatpersonen, die der Alma Mater nach einer erfolgreichen Karriere Teile ihres Vermögens zur Verfügung stellen, fördert in Deutschland häufig die Industrie, um das Versagen des Staates und die unterschiedliche Stiftungskultur im Privatpersonenbereich an dieser Stelle auszugleichen. Verständlicherweise hat dies aber zur Folge, dass die Stiftungsbeträge vergleichsweise geringer ausfallen. Zudem besteht eine Erwartungshaltung gegenüber den gestifteten Bereichen, die sich von der von Mäzenen und Privatpersonen unterscheidet, da die Unternehmen mit ihren Stiftungsbereichen verständlicherweise kooperieren wollen und auf diese zurückgreifen, so dass die Gestifteten, die in der Regel aus laufenden Stiftungen und nicht aus den Zinserträgen eines Stiftungskapitals finanziert werden, häufig enorme zeitliche Herausforderungen zu bewältigen haben, ebenso wie – aufgrund der oft nur kurz- bis mittelfristigen Bindungen der Unternehmen – hohe prozyklische Refinanzierungsherausforderungen.

Wird es Zeit für einen Perspektivenwechsel? Das kann man wohl sagen!

Die Nutzungsrechte wurden The Property Post zur Verfügung gestellt von ZIA Zentraler Immobilien Ausschuss e.V.
Erstveröffentlichung: ZIA Geschäftsbericht 2011/2012