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12.04.2022

Nachhaltigkeit mal wieder neu definiert

Dr. Gertrud R. Traud, Chefvolkswirtin/Head of Research & Advisory, Helaba Landesbank Hessen-Thüringen
Dr. Gertrud R. Traud

Nachhaltigkeit ist in den letzten Jahren in den Mittelpunkt der politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Diskussion gerückt. Die Regulierungsbehörden fordern Maßnahmen und Unternehmen richten ihre Geschäftsmodelle neu aus. Dabei wurde bislang auf die sogenannten ESG-Kriterien abgestellt, also Environmental (Umwelt), Social (Soziales) und Governance (verantwortungsvolle Unternehmensführung). Der Schwerpunkt lag auf dem Umweltaspekt. Bei nachhaltigen Anlagen wurde darüber hinaus viel Wert daraufgelegt, dass keine Rüstungsunternehmen in den Produkten zu finden waren. Bis zum 24. Februar waren sich fast alle einig, dass das so sein sollte.

Seit dem Einmarsch der russischen Armee in die Ukraine haben Nachhaltigkeit und militärische Güter eine neue Bedeutung erhalten. Deutschland und viele andere westliche Länder planen ihre Militärausgaben massiv zu erhöhen. Aus Brüssel ist zu hören, dass auch die ESG-Kriterien angepasst werden könnten.

Der Begriff der Nachhaltigkeit hat in seiner Geschichte mehrere Neuausrichtungen durchlaufen. Ursprünglich aus der Fortwirtschaft kommend, wurde er beispielsweise in den 1970er Jahren zu Zeiten der Ölkrisen in Verbindung mit den Grenzen des Wachstums auf ein Gleichgewicht zwischen Mensch und Natur ausgerichtet. In den 1980er Jahren spielte Nachhaltigkeit eine größere Rolle im Sinne von Effizienz. Der Welthandel und die Globalisierung nahmen erheblich an Fahrt auf, was sich durch das Ende des Kalten Krieges noch verstärkte. Nachhaltigkeit ging dann insbesondere in Europa mit einem Rückgang der Militärausgaben einher. Ganz im Sinne klassischer ökonomischer Argumente: Wer miteinander Handel treibt, führt keine Kriege. Der Vergleich der globalen Militärausgaben mit dem globalen Handel veranschaulicht, dass dies in den letzten Jahrzehnten recht gut funktionierte.

In den 1990er Jahren wurde Nachhaltigkeit theoretisch weiterentwickelt im Sinne von „global denken, aber lokal handeln“. Ein starker Schritt zur Deglobalisierung erfolgte jedoch erst viel später durch den vormaligen US-Präsidenten Donald Trump. Die massive Ausweitung von Protektionismus stellte er zwar nicht unter den Begriff der Nachhaltigkeit, sondern unter „America first“, also eine nationalistische Perspektive. Der globale Handel verlor an Dynamik. Gleichzeitig forderte er mit Nachdruck eine Ausweitung der Militärausgaben seiner NATO-Partner. Durch den Ausbruch der Corona-Pandemie erhielt die Globalisierung einen weiteren Nackenschlag. Und jetzt: Überall ist die Rede davon, dass wir es mit einer Zeitenwende zu tun haben. Dies gilt vermutlich nicht nur politisch, sondern auch wirtschaftlich. Der Abwärtstrend der globalen Militärausgaben ist vermutlich vorbei – genauso wie der Anstieg des globalen Handels – sei es aufgrund von Erfahrungen mit Lieferschwierigkeiten oder nationalistischen Tendenzen.

Abrüstung – zumindest einer Seite – hat nicht dazu geführt, dass es in Europa keinen Krieg mehr geben konnte. Dabei sei auch erwähnt, dass Russland gemessen am Sozialprodukt über 4 % für Rüstung ausgibt und somit sogar mehr als die USA. Dort hat das Ende des Kalten Krieges zu keinem Sinneswandel geführt, zumindest nicht seit Putin an der Macht ist.

Der Verband der Sicherheits- und Verteidigungsindustrie definiert den Begriff der Nachhaltigkeit folgendermaßen: „Sicherheit ist die Mutter aller Nachhaltigkeit.“ Politisch ist Nachhaltigkeit, alle Ressorts langfristig auszurichten und nicht nur krisenbedingt kurzfristig zu reagieren. Und für mich als Ökonomin bedeutet Nachhaltigkeit auch, sich Gedanken um die langfristige Finanzierung der Staatsausgaben zu machen. Eine Neudefinition steht dringend an.

Die Nutzungsrechte wurden The Property Post zur Verfügung gestellt von Helaba Landesbank Hessen-Thüringen
Erstveröffentlichung: FAZ Journal Metropol, April 2022

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