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4 Fragen an Bernd Schade

"Aus Entwicklersicht eine erträgliche Situation"

Dr. Bernd Schade, Vorstand, BAUWERT Aktiengesellschaft
Dr. Bernd Schade

Im Interview spricht Dr. Bernd Schade über Büroimmobilienprojektentwicklungen, die Perspektive des Homeoffices und dessen Auswirkungen auf den Büroflächenbedarf.

Frage: Können Sie als Immobilienentwickler schon sicher einschätzen, wie sich das Büroangebot in absehbarer Zukunft darstellen wird?
Wir gehen davon aus, dass sich die Angebotssituation etwas entspannen wird, ohne dass es zu größeren Leerständen kommt – jedenfalls nicht dort, wo wir bauen und das ist aktuell vor allem in Berlin. Die Leerstandsquote rangiert je nach Analysehaus zwischen 1,2 und 1,9 Prozent und selbst, wenn sie sich verdreifachen würde, wäre das aus Entwicklersicht noch immer eine erträgliche Situation. Aktuell sind wir in einer Phase, mit zwar deutlich geringeren Vermietungsumsätzen. Wir kommen allerdings von historischen Rekordwerten und einer Praxis, in der der bei weitem größte Teil der Flächen ein bis zwei Jahre vor der Fertigstellung vermietet war. Und auch heute wird mehrheitlich erst mit dem Bau von Büros begonnen, wenn der erste Mietvertrag unterschrieben ist. An den hohen Vorvermietungsquoten wird sich insbesondere bei größeren Flächen nur wenig ändern. Die Unternehmen wollen für ihre Mitarbeiter möglichst bedarfsgerechte Büros mit einer individuellen Gestaltung und wünschen sich eine aktive Mitsprache bei Ausstattung und Grundrissen.

Frage: Ist das Homeoffice auf Dauer eine sinnvolle Alternative zum zentralen Büro?
Homeoffice ist für die meisten Unternehmen mehr eine Ergänzung als eine Alternative zum zentralen Büro. Sinnvoll ist das Arbeiten von zu Hause in der Regel, wenn Mitarbeiter längere Arbeitswege haben. Das ist in größeren Ballungsräumen wie Frankfurt, München oder eben Berlin immer häufiger der Fall, weil die Menschen mit dem Trend zur Suburbanisierung immer weiter nach draußen ziehen. Wer dann noch Teilzeit arbeitet, kommt eventuell mit einem oder zwei Tagen im Unternehmen aus. Bei Vollzeit dürften es drei oder vier sein. Die Zeit zu Haus erhöht auch die Lebensqualität, insbesondere im Hinblick auf die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Aber auch viele Hobbys lassen sich leichter ausüben, wenn man weniger beruflich unterwegs ist. Gleichwohl bleibt das Unternehmensbüro unentbehrlich: Identifikation mit der Firma und Motivation der Mitarbeiter lassen sich digital und aus der Ferne kaum realisieren. 

Frage: Können Unternehmen Kosten senken, wenn sie die Arbeit im Homeoffice unterstützen?
Ich sehe kaum Kostensenkungspotenzial beim Homeoffice, zumindest nicht in Folge der COVID19-Krise. Denn demnächst werden sich die Abstände zwischen den Arbeitsplätzen wieder vergrößern. Auch Einzelbüros als Lösungsversuch werden den Gesamtflächenverbrauch erhöhen. Zudem steigen die Anforderungen an Technik und Konferenzflächen. Besprechungsräume werden künftig größer und zahlreicher benötigt, weil die Menschen sich mehr austauschen müssen, wenn sie sich weniger begegnen. Das heißt, der eventuelle Flächenvorteil des Homeoffice ist rasch aufgebraucht. Hinzu kommt: Unternehmen, die Homeoffice ausweiten, müssen verstärkt in Notebooks, Server und die IT-Sicherheit investieren. Das ist im Prinzip alternativlos, weil das operative Geschäft auch unter Lockdownbedingungen funktionieren muss.

Frage: Wenn Unternehmen auf die Arbeit im gemeinsamen Büro setzen: Welche Anreize müssen Sie dann für Ihre Mitarbeiter bieten?
Angesichts des Fachkräftemangels sollte sich die Qualität eines Büros an den Ansprüchen der wertvollsten Mitarbeiter orientieren. Zu den wichtigsten Anforderungen gehören eine gute Anbindung an den öffentlichen Nahverkehr und an das Straßen- und – immer wichtiger – Radwegenetz. Aber auch architektonische Qualität und ökologische Nachhaltigkeit sowie Aufenthalts- und Lebensqualität spielen eine zentrale Rolle. In jüngster Zeit rückt daher der Campusgedanke verstärkt in den Fokus der Planer. Ziel ist, eine Arbeitsumgebung zu schaffen, in der sich die Bürotätigkeit mit anderen Aktivitäten vernetzen lässt und wo beispielsweise informelles Arbeiten in einer Cafeteria oder auf einer Dachterrasse möglich ist, es aber auch verschiedene Freizeitangebote und Kinderbetreuung gibt.

Die Nutzungsrechte wurden The Property Post zur Verfügung gestellt von BAUWERT Aktiengesellschaft
Erstveröffentlichung: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 23. Oktober 2020

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