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13.04.2021

„Digitalisierung nicht stoppen“

Die IT deutscher Vermieter lässt sich optimieren, weiß Christian Westphal.

Reiner Reichel, Redakteur, The Property Post
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Ein Credo von CREM SOLUTIONS-Geschäftsführer Christian Westphal lautet: „Immer erst das Problem lösen, dann schauen, wie es verursacht wurde.“ Ein guter Ansatz, wie sich beim Video-Interview von „The Property Post“ (TPP) mit ihm zeigte. Als Bild und Ton stockten, wusste Westphal, welche Tasten TPP-Redakteur Reiner Reichel drücken musste, um die Datenübertragung zu stabilisieren. Der Verursacher des Problems war danach schnell gefunden: Er saß auf der Seite von TPP an den Tasten.

TPP: Herr Westphal, bei unserem ersten Kontakt nannten Sie sich Geschäftsführer von Spacewell. Heute sitzen sie im gleichen Büro, sind aber Geschäftsführer von CREM SOLUTIONS. Wie kommt das?
Christian Westphal: Ich bin seit 2013 Geschäftsführer von CREM SOLUTIONS. Die belgisch-niederländische Spacewell ist ein Schwesterunternehmen der CREM SOLUTIONS. Beide Unternehmen gehören zur Nemetschek Group. In den vergangenen eineinhalb Jahren haben wir die Produkte von Spacewell und unsere eigenen Produkte unter dem Namen Spacewell Germany vertrieben. Das war ein wenig verwirrend für unsere Kunden. Ende März wurde CREM SOLUTIONS wieder in den Vordergrund gerückt. Spacewell wird nicht vom Markt verschwinden, aber in Deutschland werden wir unter unserem bekannten Namen der starke Arm von Spacewell sein.

TPP: Was machen die beiden Firmen?
CW:
Crem ist die Abkürzung für Corporate Real Estate Management. CREM SOLUTIONS bietet jedoch mehr. Seit mehr als 20 Jahren entwickelt das Unternehmen kaufmännische Software für die Immobilienverwaltung auf Basis des klassischen ERP-Systems. Mit unserer Software werden Mieten verbucht, Mietanpassungen vorgenommen, Betriebskostenabrechnungen erstellt, das Hausgeld errechnet, um nur einige Funktionen zu nennen. Spacewell ist auf den technisch-infrastrukturellen Teil des Real Estate Managements spezialisiert und hat zudem eine Smart-Building-Software entwickelt, ergänzt also unsere Dienstleistungen.

TPP: Es gibt viele Unternehmen, die kaufmännische Immobiliensoftware bieten. Was kann CREM SOLUTIONS besser als die Wettbewerber?
CW:
Auf dem Markt für kaufmännische Verwaltungssoftware passiert zurzeit eine ganze Menge. Es gibt Wettbewerber, die von Investoren dazu gedrängt werden, sie Gesellschaften zu veräußern oder Technologien aufzugeben, indem sie diese technisch nicht mehr unterstützen. Deshalb ist der Markt sehr aufgewühlt. Wir bieten Kontinuität. Unser Eigentümer ist seit 23 Jahren die Nemetschek Group. Unsere Kunden können davon ausgehen, dass wir auch in vielen Jahren noch am Markt sind. Einen gefühlten Vorteil gegenüber anderen Anbietern sehe ich darin, dass wir sehr, sehr schnell auf neue Herausforderungen reagieren.

TPP: Auf welche?
CW:
Im vergangenen Jahr mussten wir schnell auf Stundungen für Gewerbemieten und die Mehrwertsteueränderung reagieren. Sowohl die Senkung als auch die nachfolgende Erhöhung der Mehrwertsteuer ließen sich mit unserer Software nahezu reibungslos durchführen.

TPP: Brachte die Pandemie Extraprofit für CREM SOLUTIONS? Mietstundungen und Mehrwertsteueranpassungen bedeuteten schließlich, dass ihre Kunden zusätzliche Dienstleistungen einkaufen mussten.
CW:
Nein, wir haben uns in dieser Situation nicht die Taschen vollgemacht und erzielen trotzdem gute Gewinne. Die Verträge mit unseren Kunden regeln, dass wir auf neue gesetzliche Anforderungen im Rahmen der Softwarepflege reagieren müssen. Kein Kunde musste bei uns etwas Zusätzliches kaufen. Man kann aber in solchen Situationen Komfortmodule entwickeln, die einen zusätzlichen Nutzen für den Kunden bieten. Das haben wir gemacht und diese für Beträge zwischen 500 und 1.000 Euro angeboten.

TPP: Auch Ihre Kunden haben ihr Personal ins Homeoffice geschickt. Wie kommen Sachbearbeiter damit klar, dass sie die Mieterakte nicht mehr aus dem Schrank hinter dem Schreibtisch ziehen können?
CW:
Soweit ich sehen kann, sind Unternehmen mit unserer Software gut aufgestellt. Unsere Software ist mobil gut erreichbar. Dokumente sind am Arbeitsplatz zu Hause einsehbar. So reibungslos funktioniert die kaufmännische Immobilienverwaltung in der Pandemie jedoch nur bei Unternehmen, die in den vergangenen Jahren ausreichend in die Digitalisierung investiert haben oder zumindest bei Ausbruch der Pandemie damit begonnen haben, so dass sie wie von der Bundesregierung gefordert Heimarbeit ermöglichen können.

TPP: Welche Herausforderungen folgen auf die Pandemie?
CW:
Auf dem Mietmarkt müssen unsere Kunden mit neuen Begehrlichkeiten umgehen. Wenn man überall arbeiten kann, werden flexiblere Raumangebote gefragt sein. Es werden mehr für kurze Zeit anmietbare Büroflächen benötigt werden. Wenn ich darauf schaue, wie die deutsche Immobilienwirtschaft ihre Arbeit organisiert hat, so sehe ich auch Unternehmen, die die Digitalisierung verschlafen haben und diese nachholen müssen. Manche Immobilienfirmen haben sich in der Pandemie technische Krücken gebaut, um mobil arbeiten zu können. Wenn die Pandemie überstanden ist, darf die Branche nicht in ihre alten Arbeitsmuster zurückfallen, sondern muss die Krücken durch solide Lösungen ersetzen. Der Digitalisierungsprozess darf nach überstandener Pandemie nicht stoppen.

TPP: Ein Kernelement der Digitalisierung ist der mobile Zugriff auf Software und Daten. Der kann über firmeneigene, über fremde Server oder über eine Cloud erfolgen. Welche Form präferieren Ihre Kunden?
CW:
Alle sprechen von Cloud, obwohl in Deutschland kaum einer Cloud-basierte Lösungen haben möchte. Die Erwartung ist, dass Software jederzeit von unterschiedlichen Orten aus abrufbar ist. Mit einer Cloud verbinden dies Menschen, dass sie Online zu jeder Zeit auf ein System zugreifen können. Der Online-Zugriff muss jedoch nicht unbedingt über eine Cloud erfolgen. Die Cloud ist nur eine Möglichkeit, wie man eine Software online zur Verfügung stellen kann. Wenn man die Software über ein Rechenzentrum und eine Terminal-Server-Technologie nutzbar macht, dann ist sie auch online abrufbar. Im Bereich Property Management gibt es in Deutschland zurzeit keine Cloud-basierte Software mit ausreichendem Leistungsumfang. Das ist nachvollziehbar. Ein Buchhalter, der über eine Web-Browser-Technologie, wie sie für eine Cloud-Lösung nötig ist, buchen muss, der wird mit der Performance solcher Lösungen nicht zufrieden sein. Unsere Kunden können jederzeit von überall auf unsere Software zugreifen. Dies kann über einen Server des Kunden, ein fremdes oder von uns betriebenes Rechenzentrum laufen.

TPP: Welche Rolle spielt die Datensicherheit für die Unternehmen?
CW:
Unternehmen legen darauf hohen Wert. Schließlich reden wir unter anderem von sensiblen Mieterdaten, wie Einkommensnachweisen. Unsere Software ist nach Datenschutz-Grundverordnung zertifiziert. Wichtig ist, dass die Anonymisierungs- und Löschungsregeln, die unser System ermöglicht, auch in den angeschlossenen Systemen angewendet werden. Es bringt nichts, wenn die Daten eines vor fünf Jahren ausgezogenen Mieters in unserem System gelöscht sind, aber weiter im Mieterportal nachzulesen sind.

TPP: Schulen dürfen manche Videokonferenzsysteme nicht nutzen, weil sie über ausländische Server laufen. Wie sensibel sind Ihre Kunden, was die Standortfrage für Server angeht?
CW:
Der Umgang mit Daten lässt sich in den Betriebsverträgen mit den Serverbetreibern regeln. Aber, mir ist keiner unserer rund 1.100 Kunden bekannt, der mit einem außereuropäischen Rechenzentrum arbeitet. Ich kann mir auch nicht vorstellen, dass eines der Unternehmen das anstrebt. In diesem Punkt ist die deutsche Immobilienwirtschaft sehr konservativ.

TPP: Je länger der Lockdown anhält, desto höher werden die Zahlungsausfälle bei Ihren Kunden. Wann werden ihre Kunden nur noch schleppend oder gar nicht mehr zahlen?
CW:
Im vergangenen Frühjahr hatte ich Sorge, dass es zu Zahlungsausfällen kommen könnte. Die Sorge war unbegründet. Unsere Zahlungsausfälle sind normal. Unsere Software wurde ursprünglich zur Verwaltung von Gewerbeimmobilien eingesetzt, so dass auch viele Kunden aus dieser Branche kommen. Seit einigen Jahren wird iX-Haus aber auch von Wohnungsvermietern erfolgreich eingesetzt. Durch den Branchenmix in unserem Kundenportfolio ist unser Ausfallrisiko geringer geworden. Wenn allerdings der Lockdown fortgeführt wird, kann es geschehen, dass Kunden irgendwann in Zahlungsschwierigkeiten kommen. Wenn das dann Einzelfälle sind, werden wir Lösungen finden, etwa einen Zahlungsaufschub gewähren.

TPP: Ist CREM SOLUTIONS in irgendeiner Form vom Ausbleiben von Hilfsgeldern betroffen?
CW:
Ja, aber anders, als Sie es wahrscheinlich vermuten. Es gibt staatliche Förderprogramme für IT-Anschaffungen. Um die Mittel zu bekommen, muss die Förderung beantragt und genehmigt werden, bevor investiert wird. Stellen Sie sich ein Unternehmen vor, das nun ein Dokumentenmanagementsystem anschaffen muss, um den Mitarbeitern im Homeoffice den Zugriff auf Dokumente zu ermöglichen. Dann ist es hinderlich, wenn das Unternehmen drei bis vier Monate auf die Genehmigung warten muss. Wir kennen Interessenten und Kunden, die das betrifft.

TPP: Bisher sprachen wir über die Folgen der Pandemie für Ihre Kunden. Wie hat sich die Arbeit bei CREM SOLUTIONS verändert?
CW:
Wir sind Anfang 2020 umgezogen von 800 auf 1.000 Quadratmeter, haben aber auf die eigentlich geplante Aufstockung auf 1.400 Quadratmeter verzichtet. Uns hilft die Smart-Building-Entwicklung Cobundu unserer Schwestergesellschaft Spacewell. Mit Ihr können wir unter anderem feststellen, wie hoch die Auslastung einzelner Flächen ist, welche Bereiche mehr, welche weniger genutzt werden. Wir wissen, ob die maximal zulässige Personenzahl in einem Konferenzraum eingehalten wird. Wir messen die Luftqualität und fordern die Mitarbeiter auf zu lüften, wenn der CO2-Gehalt ansteigt. Denn mit steigendem CO2-Gehalt nimmt auch das Risiko zu, sich mit Covid-19 anzustecken. Das Büro ist für uns ein optionaler Arbeitsplatz. Durch Smart-Building haben wird das Büro so sicher gemacht, wie man sich das unter solchen Bedingungen vorstellt. Aber nicht alle Unternehmen sind bereit, wegen weiterer sechs oder zwölf Monate Pandemie in Smart Building zu investieren. Eine Smart-Building Lösung wie Cobundu liefert aber auch nach der Pandemie noch einen wertvollen Beitrag zur effizienteren und nachhaltigeren Nutzung von Immobilien, und unterstützt bei den sicher nötigen Transformationen in neue Arbeitsplatzkonzepte.

TPP: Welches Problem würden Sie gerne noch lösen?
CW:
Ich würde gerne die Pandemie beenden, was mit Software nicht gelingen wird. Man kann aber mit Software die Situation der Beschäftigten erträglicher machen, indem man die Büros zu sichereren Arbeitsplätzen macht. Zusätzlich werden Vorgänge innerhalb einer Software nicht mehr in jedem Fall von einem Menschen angestoßen, etwa indem er am Monatsende die Software per Knopfdruck dazu bringt Kennzahlen zu errechnen. Die Software kann dies auch automatisch tun, wenn Sie z.B. eine Information von einem Sensor in einem Gebäude bekommt. Mit Blick auf die ESG-Anforderungen stelle ich mir eine größere Verbreitung von Smart-Building-Software vor. Solche Systeme können etwa Licht, Kühlung und Heizung aus- und anstellen, wenn Räume betreten oder wieder verlassen werden oder die Heizung und Klimaanlage so lange abstellen, wie ein Fenster geöffnet ist. Dadurch ließe sich Energie sparen und CO2-Ausstoß reduzieren. Keiner da – Licht aus – CO2-Fußabdruck verbessert.

TPP: Herr Westphal, vielen Dank für das Interview.

Die Nutzungsrechte wurden The Property Post zur Verfügung gestellt von CREM SOLUTIONS
Erstveröffentlichung: The Property Post, April 2021

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Reiner Reichel, Jahrgang 1956, war viele Jahre Immobilienredaktuer des Handelsblatts. Journalismus betreibt er, wie er Fußball spielt: hart aber fair.

Westphal_cremsolution-reichelinterview.jpegAls Dr. Christian Westphal (50) in Wuppertal Bauingenieurwesen studierte, witzelte die Baubranche nach zahlreichen Skandalen: „Bauingenieur – mit einem Bein auf dem Bau, mit dem anderen im Bau.“ Der Spruch muss bei Ihm nachhaltig gewirkt haben. Denn er nahm das Angebot seines Professors an, sich auf Bauinformatik zu spezialisieren und hatte fortan weniger auf Baustellen und mehr in Datenräumen zu tun. Schnell erkannte er, dass die Dokumentation dessen, was beim Bau und später im Gebäude geschieht, zu den Schwächen der Branche zählt. Nach der Promotion leitete er das Projekt Plan- und Dokumentenmanagement der Bilfinger Berger-Tochter Bebit Informationstechnik GmbH. Vor 15 Jahren begann er bei CREM SOLUTIONS zunächst als Berater und wurde 2013 Geschäftsführer der Tochtergesellschaft des börsennotierten Softwareanbieters Nemetschek Group. In seiner Freizeit steht die Familie im Vordergrund, mit der er immer wieder auf seine geliebte Insel Borkum fährt. Im Sport lässt er es inzwischen ruhiger angehen. Viele Jahre Handball, in der Jugend sogar in hochklassigen Ligen, spürt er buchstäblich in den Knochen. Heute spielt er Golf, statt Bänder und Gelenke weiter zu strapazieren. Und wenn er es mal richtig gemütlich haben möchte, öffnet er eine seiner mehr als 50 verschiedenen Flaschen Single Malt Whisky. Seine Favoriten kommen von der schottischen Insel Islay – je rauchiger und ungewöhnlicher sie im Geschmack sind, desto größer ist für ihn der Genuss.

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