02.04.2026

Berliner wollen Eigentum

Die Stadt bietet viele Chancen für Ihre Bewohner

Jacopo Mingazzini, Vorstand, The Grounds Real Estate Development AG
Jacopo Mingazzini

1) Mit einer Eigentumsquote von rund 15 Prozent ist Berlin eine Mieterstadt. Warum sollte man das ändern? 
Eine Mieterstadt ist Berlin überwiegend aus historischen Gründen. Das rasche Wachstum der Stadt in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, die Unsicherheit in der Zwischenkriegszeit, der besondere Status Westberlins und die Eigentümlichkeiten seiner Subventionswirtschaft sowie Enteignungen und staatlicher Wohnungsbau in der Hauptstadt der DDR waren nicht der ideale Nährboden für Wohneigentum. Das hat sich erst seit der Jahrtausendwende geändert. Wenn Sie heute die Berliner fragen, dann wünschen sie sich mehrheitlich ins Eigentum. Mieter sind zwar viele, bleiben wollen es aber wenige. Das gilt insbesondere für junge Menschen. Das Tragische daran ist, dass der beste Zeitpunkt, die Eigentumsbildung in Berlin zu beschleunigen von der Wowereit-Regierung verpasst wurde. Anfang der 10er Jahre als die Kaufpreise noch niedrig und die Zinsen bereits im Sinkflug waren, öffnete sich das Fenster der Leistbarkeit von Wohneigentum sehr weit für viele Berliner. Inzwischen hat sich der Spalt wieder deutlich verengt. Wir haben hier zwar die Preise einer deutschen Topstadt, aber die Einkommen sind deutlich niedriger als in München, Frankfurt oder Hamburg. Dennoch sehe ich keinen Grund, an der Mieterstadt festzuhalten. Wir sehen alle das Elend der deutschen Altersvorsorge und die geringen Vermögen in diesem Land. Dass es andernorts in Europa besser steht, hat viel mit den teils deutlich höheren Eigentumsquoten dort zu tun. Schon um Deutschland künftig resilienter gegen geopolitische Schocks und die damit verbundenen wirtschaftlichen Verwerfungen zu machen, sollte der Eigentumsförderung und -bildung eine höhere Priorität eingeräumt werden. 

2) Die Eigentumsförderung steht in der Berliner Verfassung. Welche Forderungen leiten Sie daraus ab? 
Ich vertrete viele liberale Positionen und bin daher kein Freund von umfangreichen Förderungen. Aber schon das Absenken einiger Schwellen könnte den Einritt ins Eigentum für viele Berliner erleichtern. Ich denke an die Bereitstellung von Bürgschaften oder zinsgünstigem Eigenkapitalersatz durch die IBB oder den Erlass der Grunderwerbsteuer insbesondere für die Ersterwerber von selbstgenutztem Wohneigentum beziehungsweise die Umsatzsteuerbefreiung im Wohnungsneubau generell. Ich bin mir aber sicher, dass nichts davon durch das Land Berlin unterstützt wird. Einmal, weil die politischen Mehrheiten das nicht zulassen. Und zum zweiten, weil sämtliche Diskussionen zu diesen Maßnahmen durch die einseitige öffentliche Debatte erstickt werden würde. Denn gegen den Vorwurf, man würde hier Steuergeschenke für Reiche verteilen, ist in Berlin kein Kraut gewachsen. 

3) Vor rund 15 Jahren sind sie mit dem Einzelverkauf von Wohnungen in Berlin gestartet. Welche Käufergruppen waren damals am Markt und mit welchen Erwartungen?
Wir haben damals unmittelbar nach Lehmann tatsächlich zu 30 bis 40 Prozent an Italiener und Spanier verkauft. Die Interessenten konnten es teilweise gar nicht fassen, dass sie für 2.000 Euro je Quadratmeter eine Wohnung nahe dem Zentrum der deutschen Hauptstadt kaufen konnten. Und das Geld war schon zum damaligen Zeitpunkt sichtlich gut angelegt. Zwar lagen die Jahre, in denen noch Leerstände und fallende Preise drohten, erst unmittelbar zurück, doch wuchs Berlin um 2010 netto um 50.000 Bewohner jährlich, so dass die Trendumkehr bereits absehbar war. 

4) Haben Sie damals zu günstig verkauft? 
Rückblickend entsteht natürlich der Eindruck, dass man zu höheren Preisen hätte verkaufen können und Neuköllner Altbau für 500 Euro je Quadratmeter zu günstig gewesen sei. Doch das verstellt den Blick auf die einzigartige Entwicklung, die Berlin zwischen 2010 und 2022 genommen hat. Ich kenne jedenfalls keine Stadt, in der die Wohnungspreise über einen so langen Zeitraum jährlich im hohen einstelligen Bereich oder sogar zweistellig gewachsen sind. Und wir haben immer zu den jeweiligen Marktpreisen verkauft. 

5) Heute sind große Teile der Berliner Innenstadt Milieuschutzgebiet und die Umwandlung in Wohneigentum ist berlinweit untersagt. Wie beurteilen Sie den Ansatz, Stadtentwicklungspolitik unter dem Primat von Verdrängungsängsten zu betreiben?
Wer eine älter werdende Bevölkerung nicht verdrängen will, darf den Einbau von Aufzügen nicht verhindern. Schon das Beispiel, dass ein 80-Jähriger seine Wohnung im 5. OG ohne technische Hilfe nicht mehr erreichen beziehungsweise verlassen kann, zeigt, das Baugesetzbuch ist nicht geeignet, um Wohnungs- und Mietenpolitik zu betreiben. Das gilt auch für den fraglichen Paragraphen 72, der gemacht ist, um Kommunen Zeit beziehungsweise Beinfreiheit bei der baulichen Begleitung rascher Veränderungen in der Bevölkerungsstruktur zu geben, nicht um diese zu konservieren und bauliche Substandards zu erhalten. Ein höherer Eigentumsanteil ist dagegen sehr wohl geeignet, um die Bevölkerungsstruktur in Innenstadtquartieren zu stabilisieren und diese vor der in Berlin leider allgegenwärtigen Verwahrlosung zu schützen. Der Milieuschutz, so wie er in Berlin betrieben wird, erweist sich in diesem Sinn sogar als kontraproduktiv beim Kampf gegen die Verdrängung einkommensschwächerer Haushalte aus der Innenstadt. Denn das Aufteilungsverbot verhindert ja gerade, dass Mieter ihre Wohnungen kaufen können und günstige Bestandswohnungen als Eigentum verfügbar sind. 

Die Nutzungsrechte wurden The Property Post zur Verfügung gestellt von The Grounds
Erstveröffentlichung: The Property Post, April 2026

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