Wo Wohnungsmangel Berlins Wachstum bremst – und wie sich schnell Wohnraum für Mitarbeitende schaffen lässt
Frau Schreiner, bis vor 15 Jahren galt das großzügige Mietwohnungsangebot als Vorteil des Wirtschaftsstandortes Berlin. Wie würden Sie die Lage heute beschreiben?
Das Bild hat sich in den vergangenen Jahren grundsätzlich gewandelt. Vor 15 Jahren lockte günstiger Wohnraum noch zahlreiche Unternehmen und deren Mitarbeiter, aber auch Künstler und viele andere, vor allem jüngere Menschen, in die Stadt. Inzwischen bremst das geringe Angebot das Wachstum in Berlin. Lange Planungs- und Umsetzungszeiten beim Wohnungsbau sorgen zudem dafür, dass uns der derzeitige Mangel noch einige Zeit begleiten wird. Aktuell schafft der Senat allerdings die Bedingungen für eine Entlastung: Mit dem Schneller-Bauen-Gesetz und dem in der Vorbereitung befindlichen Einfacher-Bauen-Gesetz gibt es einen Rahmen, um Bauen in Berlin wieder schneller und einfacher zu machen. Die Trendwende lässt sich auch in den Fertigstellungszahlen beobachten. In der aktuellen Legislatur werden laut Senat rund 80.000 neue Wohnungen errichtet.
Die erkennbare Priorisierung des Wohnungsbaus sollte jedoch auch andere Aspekte der Stadt- und Wirtschaftsentwicklung berücksichtigen. Für nicht zielführend halte ich beispielsweise eine Freigabe der Flächen für den Wohnungsbau, die für die Gewerbeansiedlung vorgesehen sind, Damit verbaut sich Berlin künftige Entwicklungsmöglichkeiten im wahrsten Sinne des Wortes. Alternativ sollte man verstärkt über die Umnutzung älterer leerstehender Bürogebäude nachdenken. Aktuell gilt deren Umbau zwar im Vergleich zum Neubau als teurer, dabei sind jedoch die Kosten einer höheren Flächenversiegelung eines Neubaus noch nicht mit einkalkuliert. Letztlich würde es sich also lohnen, über Anreize zum Umbau älterer Büro- und Gewerbeimmobilien nachzudenken.
Wo bremst der Wohnungsmangel die wirtschaftliche Entwicklung konkret? Welche Branchen sind betroffen?
Der Mangel an günstigen Wohnraum betrifft zuallererst die Auszubildenden und damit die Nachwuchsgewinnung in den Unternehmen, aber auch alle anderen Beschäftigten. Laut einer Umfrage der IHK Berlin aus dem vergangenen Jahr haben 44 Prozent der Berliner Ausbildungsbetriebe wegen fehlender Wohnungen Probleme, Lehrstellen zu besetzen. Zahlreiche Unternehmen unterstützen ihre Auszubildenden daher bei der Wohnungssuche, unter anderem mit Mietzuschüssen. Auch die Vermittlung von Wohnheimplätzen ist ein möglicher Ansatz. Besonders problematisch ist der Wohnungsmangel deshalb, weil er die Betriebe in einer strukturellen Wirtschaftskrise trifft. Wir haben momentan die höchste Zahl an Insolvenzen in den vergangenen 20 Jahren. Steigende Wohnkosten verschärfen die ohnehin angespannte Situation.
Kommen Betriebe zu Ihnen und fragen nach Unterstützung? Was können Sie anbieten?
Ja, der Beratungsbedarf ist beträchtlich. Wir haben daher gemeinsam mit Berlin Partner und dem BFW Berlin Brandenburg einen Leitfaden für das Beschäftigtenwohnen erstellt. Darin werden abhängig von Zeithorizont, Mitarbeitergruppen und Umfang des Bedarfs verschiedene Lösungsansätze zwischen Kostenzuschüssen, Belegungsrechten und dem Aufbau eigener Mietwohnungsbestände vorgestellt. Wir appellieren an die Unternehmen, das Beschäftigtenwohnen gezielt in ihre Strategie zur Personalgewinnung und -bindung zu integrieren und geben dafür mit dem Leitfaden eine erste Orientierung.
Inwieweit ist die Grundversorgung der Berliner durch den Wohnungsmangel gefährdet? Was passiert, wenn Busfahrer keine Wohnung mehr finden?
Die Situation ist schwierig, ohne Frage. Berlin verfehlt durchgehend die Ziele für den freien Wohnungsmarkt und braucht jetzt eine Pro-Bau-Stimmung. Wenn Fach- und Arbeitskräfte in Berlin keine Wohnung finden, dann kommen sie nicht. Es droht also in zahlreichen Bereichen ein Personalmangel, der dann Lebensqualität und Wirtschaftsleistung insgesamt beeinträchtigt.
In Hamburg haben sich die Behörde für Stadtentwicklung und Wohnen sowie die Bau- und Immobilienwirtschaft zusammengefunden, um gemeinsam den Hamburg-Standard für günstigen Wohnungsbau zu entwickeln. Ist so etwas auch in Berlin denkbar? Und von wem sollte der Impuls ausgehen?
Berlin möchte günstigeres Bauen auf dem Gesetzesweg ermöglichen. Beim Einfacher-Bauen-Gesetz handelt es sich um ein Paket von rund 100 Änderungen von Gesetzen und Verordnungen, mit dem Ziel, die technischen oder baulichen Standards und damit die Baukosten zu senken. Der Senat will das Gesetz im März beschließen. Im Juni soll das Abgeordnetenhaus darüber abstimmen. Das Einfacher-Bauen-Gesetz folgt der Idee des Hamburg-Standards. Die IHK Berlin würde es begrüßen, wenn dieser bundesweit angewendet und Bauen damit insgesamt günstiger würde.
Eine weitere Vereinfachung des Bauens dürfte die Umsetzung der Berliner Verwaltungsreform zum Beginn der neuen Legislatur bringen. Anders als Hamburg haben wir in Berlin bekanntlich eine zweistufige Verwaltung, für die die Zuständigkeiten und Kompetenzen mit der Verwaltungsreform neu definiert wurden. Namentlich beim Natur- und beim Denkmalschutz gab es hier Optimierungsbedarf in der Abstimmung zwischen den Oberen und Unteren Behörden. Künftig sollen die Obere Naturschutz- beziehungsweise Denkmalschutzbehörde den Entscheidungsrahmen erarbeiten und die Unteren Behörden in den Bezirken diesen umsetzen. Damit wird dann hoffentlich eine höhere Einheitlichkeit und dringend notwendige Beschleunigung in den Genehmigungsverfahren erreicht werden.
Die Nutzungsrechte wurden The Property Post zur Verfügung gestellt von IHK Berlin
Erstveröffentlichung: The Property Post, März 2026