02.06.2026

Gemeinwohl als Arbeitsauftrag

Jörg Kotzenbauer, Geschäftsführer, HOWOGE Wohnungsbaugesellschaft mbH
Jörg Kotzenbauer

Herr Kotzenbauer, mit der HOWOGE leiten Sie das größte gemeinwohlorientierte Wohnungsunternehmen in Berlin. Wie viel Projektion steckt im Begriff Gemeinwohl – und welche unternehmerischen Herausforderungen bringt er mit sich?
Gemeinwohl ist für uns kein politischer Sehnsuchtsbegriff, sondern ein klarer Arbeitsauftrag. Er bedeutet: Wir müssen bezahlbares Wohnen sichern, gleichzeitig in Neubau und Bestand investieren und unseren Bestand klimafit machen. Das ist ein Dreiklang, der sich nicht immer friktionsfrei herstellen lässt.

Die Projektion entsteht dort, wo einzelne Erwartungen absolut gesetzt werden. Manche wünschen sich dauerhaft stagnierende Mieten, andere erwarten maximale Investitionskraft. Unsere Aufgabe ist es, diese Interessen auszubalancieren – und das unter Rahmenbedingungen, die sich in den letzten Jahren massiv verändert haben: steigende Baukosten, höhere Zinsen, Fachkräftemangel und ein komplexes Regulierungsumfeld.

Gemeinwohlorientierung heißt deshalb auch vor allem: wirtschaftlich stabil bleiben, um sozial handlungsfähig zu sein. Das ist die eigentliche unternehmerische Herausforderung.

Linke Politiker werfen der Landesregierung vor, sie würde bei den kommunalen Wohnungsbaugesellschaften an der Mietpreisschraube drehen. Wie beschreiben Sie Ihre Mietenpolitik?
Unsere Mietenpolitik ist sozial gedämpft und langfristig angelegt. Wir erhöhen Mieten nicht reflexhaft, sondern dort, wo es notwendig und möglich ist, um Instandhaltung, Modernisierung und Neubau zu finanzieren. Die kommunalen Unternehmen bewegen sich seit Jahren deutlich moderater als der freie Markt. Ende 2025 lag die Durchschnittsmiete der HOWOGE-Wohnungen bei 7 Euro/qm und damit deutlich unter dem Mittelwert des Berliner Mietspegels. Gleichzeitig stehen auch wir vor den Herausforderungen deutlich steigender Kosten.

Wir arbeiten mit klaren Leitplanken: moderate und transparente Mietentwicklung, Schutz von Bestandsmieterinnen und -mietern, gezielte Entlastung für Haushalte mit geringem Einkommen und ein hoher Anteil preisgedämpfter Wohnungen. Kurz gesagt: Wir sorgen dafür, dass Wohnen bezahlbar bleibt – und gleichzeitig die Substanz unserer Gebäude erhalten wird. Beides gehört zusammen.

Gibt es Menschen, die sich das Wohnen bei Ihnen nicht mehr leisten können? Und welche Hilfsangebote bieten Sie säumigen Mietern an?
Ja, es gibt Haushalte, die durch steigende Lebenshaltungskosten und Energiepreise unter Druck geraten. Das ist kein spezifisches Problem kommunaler Unternehmen, sondern ein gesamtgesellschaftliches Phänomen.

Unser Anspruch ist klar: Niemand soll seine Wohnung verlieren, nur weil er vorübergehend in eine finanzielle Schieflage gerät. Deshalb haben wir ein breites Unterstützungsangebot:

  • Frühe Kontaktaufnahme, sobald Zahlungsprobleme sichtbar werden,
  • Individuelle Zahlungsvereinbarungen wie Raten oder Stundungen,
  • Unterstützung bei Wohngeld- und Leistungsanträgen,
  • Enge Zusammenarbeit mit Sozialdiensten und Beratungsstellen,
  • Sozial- und Schuldnerberatung durch das Soziale Management der HOWOGE in unseren Quartieren.

Räumungen sind für uns das allerletzte Mittel und können i.d.R. vermieden werden, wenn die Mietenden mitwirken. Unser Ziel ist Stabilität – für die Menschen und für die Nachbarschaften.

Wie viel kommunalen Wohnungsbau würde ein erneuter Mietenstopp kosten?
Ein pauschaler Mietenstopp klingt attraktiv, hätte aber erhebliche Nebenwirkungen. Er würde die wirtschaftlichen Spielräume der kommunalen Unternehmen deutlich einschränken – und damit genau jene Investitionen gefährden bzw. teilweise unmöglich machen, die politisch gewollt und notwendig sind: Neubau, Klimaschutz, Barrierearmut, Instandhaltung.

Die Branche hat in der Vergangenheit klar gezeigt, dass starre Eingriffe Investitionen bremsen können. Ein erneuter Mietenstopp würde bedeuten:

  • weniger Mittel für Sanierungen,
  • Verzögerungen bei Neubauprojekten,
  • geringere Planungssicherheit für langfristige Investitionen.

Statt eines pauschalen Stopps brauchen wir verlässliche Rahmenbedingungen und gezielte Förderung – sowohl für Haushalte, die Unterstützung benötigen, als auch für Investitionen, die gesellschaftlich notwendig sind.

Unter welchen Voraussetzungen kann die energetische Sanierungstätigkeit gesteigert werden?
Die kommunalen Unternehmen sanieren bereits intensiver als viele private Eigentümer – aber das Tempo reicht noch nicht, um die Klimaziele zu erreichen. Um die Sanierungsquote spürbar zu erhöhen, braucht es vor allem vier Dinge:

  1. Planbare Förderung: Programme müssen langfristig, verlässlich und administrativ handhabbar sein.
  2. Regulatorische Beschleunigung: Schnellere Genehmigungen, weniger Zielkonflikte zwischen Bau-, Klima- und Denkmalschutzrecht.
  3. Technologieoffenheit: Nicht jedes Gebäude braucht dieselbe Lösung. Entscheidend ist die CO₂-Wirkung über den Lebenszyklus.
  4. Sozialverträgliche Refinanzierung: Klimaschutz darf nicht zu sozialen Härten führen. Die Kosten müssen zwischen Förderung, Effizienzgewinnen und moderaten Mietbeiträgen ausgewogen verteilt werden.

Wenn diese Voraussetzungen erfüllt sind, können die kommunalen und auch die privaten Unternehmen ihre Sanierungsaktivitäten deutlich steigern – und gleichzeitig bezahlbares Wohnen sichern.

 

Die Nutzungsrechte wurden The Property Post zur Verfügung gestellt von HOWOGE
Erstveröffentlichung: The Property Post, Juni 2026

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