05.05.2026

Verkürzte Kausalitäten

Prof. Dr. Ing. Anne Sanftenberg, Real Estate Management, Real Estate Economics, Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin
Prof. Dr. Ing. Anne Sanftenberg

Regulierung, Investitionsanreize und Bauaktivität werden im Berliner Wahlkampf oft nicht zusammengedacht, sagt Prof. Dr. Ing. Anne Sanftenberg von der HTW Berlin

Frau Prof. Sanftenberg, das Thema Wohnen prägt den Berliner Wahlkampf stark. In welchen Positionen oder Vorschlägen erkennen Sie eine fundierte Berücksichtigung immobilienwirtschaftlicher Zusammenhänge – und wo eher nicht?
Im Berliner Wahlkampf zeigt sich ein breites Spektrum an Instrumenten – von klassischer Angebotsausweitung über regulatorische Eingriffe bis hin zu strukturellen Eingriffen in Eigentumsrechte. Konkret reichen die Vorschläge von beschleunigtem Neubau und neuen Stadtquartieren über Mietpreisregulierung und Kontrollinstrumente bis hin zu Vergesellschaftungsdebatten und Quotenmodellen.

Ökonomisch tragfähig erscheinen insbesondere jene Ansätze, die die Angebotsseite stärken und Investitionsbedingungen berücksichtigen. Erklärungsbedürftig sind hingegen vor allem Maßnahmen, die stark in Preisbildung und Eigentumsstrukturen eingreifen, ohne die Auswirkungen auf Neubau und Bestand ausreichend mitzudenken.

Bei welchen Forderungen sehen Sie Erklärungsbedarf bzw. wo sehen Sie aktuell die größten Missverständnisse oder Verkürzungen in der wohnungspolitischen Debatte in Berlin?
Ein zentrales Problem der aktuellen Debatte sind verkürzte Kausalitäten. Häufig wird unterstellt, dass stärkere Regulierung automatisch zu mehr bezahlbarem Wohnraum führt – tatsächlich wird damit aber vor allem ein bestehender Mangel verwaltet. Ebenso wird die Rolle von Investoren oft zu einseitig gesehen, obwohl ohne private Investitionen die notwendige Ausweitung des Angebots kaum erreichbar ist. Insgesamt zeigt sich: Viele Vorschläge unterschätzen die Wechselwirkungen zwischen Regulierung, Investitionsanreizen und Bauaktivität.

Woran erkennt man aus Ihrer Sicht fundierte wohnungspolitische bzw. immobilienwirtschaftliche Expertise bei politischen Entscheidungsträgern?
Ich würde das gar nicht an einzelnen Positionen festmachen, sondern eher daran, wie differenziert jemand argumentiert. Fundierte Expertise zeigt sich aus meiner Sicht vor allem darin, dass sowohl die sozialen Ziele als auch die ökonomischen und rechtlichen Rahmenbedingungen zusammengedacht werden. Wichtig ist dabei ein Gefühl für die Wechselwirkungen – also etwa, wie sich Regulierung auf Investitionsentscheidungen oder auf die Bautätigkeit auswirkt. Viele Maßnahmen entfalten ihre Wirkung ja nicht isoliert, sondern im Zusammenspiel.

Was ich außerdem für zentral halte, ist der offene Umgang mit Zielkonflikten. Wohnungspolitik bedeutet immer auch Abwägung: zwischen Bezahlbarkeit, Neubau und wirtschaftlicher Tragfähigkeit.
Und nicht zuletzt zeigt sich Expertise oft ganz praktisch darin, ob jemand ein realistisches Bild davon hat, wie Projekte tatsächlich umgesetzt werden – also wie Planungsprozesse, Finanzierung und Entwicklung in der Praxis funktionieren.

Welche Kenntnisse oder Kompetenzen sollten Stadtentwicklungspolitiker in einer Metropole wie Berlin mindestens mitbringen, um sachgerechte Entscheidungen treffen zu können? Was hielten Sie für eine geeignete Mindestqualifikation?
Ich würde den Begriff „Mindestqualifikation“ gar nicht zu eng fassen. Es geht aus meiner Sicht weniger um formale Abschlüsse als um ein solides Grundverständnis der Zusammenhänge.

Dazu gehört, die zentralen Mechanismen des Wohnungsmarkts zu kennen – also etwa, wie Preise entstehen, welche Rolle Baukosten und Finanzierung spielen und unter welchen Bedingungen überhaupt gebaut wird.
Wichtig ist aus meiner Sicht auch ein Grundverständnis für die Abläufe in Planung und Genehmigung, weil dort viele der praktischen Engpässe liegen.

Und vielleicht am wichtigsten: die Bereitschaft, Zielkonflikte anzuerkennen und Entscheidungen auf dieser Basis transparent zu begründen. Wohnungspolitik ist kein Feld mit einfachen Lösungen, sondern erfordert ein gewisses Maß an ökonomischem und praktischem Verständnis.

Welches Instrument oder welche Kombination von Maßnahmen halten Sie derzeit für am wirksamsten, um den Bau von bezahlbarem Mietwohnraum in Berlin tatsächlich zu beschleunigen?
Die Instrumente sind im Grunde seit Jahren bekannt und auch gut untersucht. Die Herausforderung liegt weniger im Erkenntnisdefizit als in der konsequenten Umsetzung und im Zusammenspiel der Maßnahmen.

Entscheidend ist aus meiner Sicht eine Kombination aus drei Punkten: schnellere und verlässlichere Planungs- und Genehmigungsverfahren, eine langfristig planbare Förderung für den bezahlbaren Wohnungsbau und ausreichend verfügbare Flächen.

Einzelne Instrumente greifen dabei meist zu kurz. Gerade im aktuellen Umfeld mit hohen Baukosten und gestiegenen Zinsen kommt es darauf an, Investitionsbedingungen insgesamt so zu gestalten, dass Projekte wieder wirtschaftlich darstellbar werden. Insofern würde ich weniger nach dem „einen“ besten Instrument suchen, sondern eher nach einem konsistenten Rahmen, der Planungssicherheit schafft und die verschiedenen Maßnahmen sinnvoll miteinander verzahnt.

Die Konzepte liegen also auf dem Tisch – entscheidend ist, sie kohärent und verlässlich umzusetzen.

Die Nutzungsrechte wurden The Property Post zur Verfügung gestellt von HTW Berlin
Erstveröffentlichung: The Property Post, Mai 2026

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