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02.06.2022

Die vergessene Kommunikation

Unternehmen lassen Potenziale ungenutzt

Dr. Kurt E. Becker, Freier Journalist, RUECKERCONSULT GmbH
Dr. Kurt E. Becker

Es gehört zu den Höhepunkten im Leben vieler Menschen, einmal in einer Zeitung lobend Erwähnung gefunden zu haben – und sei es auch nur in der Betriebszeitung. Auf der anderen Seite ist es frustrierend, wenn man wichtige Angelegenheiten im eigenen Unternehmen nicht vom Vorgesetzten, sondern beim Frühstück aus der Zeitung erfährt. Da bleibt so manchem Leser das Marmeladebrötchen im Halse stecken.

So gut wie in jeder anderen Branche gehört auch in Unternehmen der Immobilienbranche die interne Kommunikation zu den unterschätzten Aufgaben von Unternehmensführung und -management. Dass es sich bei der Kommunikation nach innen und außen um eine der vornehmsten Aufgaben des Managements handelt, ist unbestritten. Zwar wird in den meisten Geschäftsberichten und Imagebroschüren die Belegschaft „als wichtigstes Kapital des Unternehmens“ hofiert. In der Praxis wird jedoch immer wieder deutlich, dass sich die Verfasser nicht an ihre eigenen Maximen halten. Wenn in vielen Unternehmen die externe Kommunikation auch heute noch stiefmütterlich behandelt wird, so ist die interne nicht selten die Stiefmutter aller Stiefmütter. Dass damit Motivationspotenzial brachliegt, wird in den meisten Chefetagen übersehen. Dabei ist die Information die einfachste Möglichkeit der Motivation von Mitarbeitern. Und allzu viele Möglichkeiten dieser Art hat ein Vorgesetzter in einem Unternehmen nicht. Abmahnen, loben, prämieren – damit ist der Maßnahmenkatalog auch fast schon erschöpft, informieren exklusive.

Auch Immobilienunternehmen sind Teil der Informationsgesellschaft, und der Mitarbeiter ist deren kleinstes, deswegen aber nicht unbedeutendstes Teilchen. Im Gegenteil, je besser informiert der Einzelne in einer arbeitsteiligen Gesellschaft ist, desto besser funktioniert auch das Ganze. Denn die Effizienz von Arbeitsabläufen hängt nicht zuletzt vom sinnvollen Informationsgrad der daran Beteiligten ab. Das betrifft alle Ebenen einer Unternehmensorganisation, die Chefebene nicht ausgeschlossen. Informationsbarrieren und Herrschaftswissen zur Absicherung des eigenen Postens blockieren nicht selten auch den umgekehrten Kommunikationsweg von unten nach oben. Der Mitarbeiter greift dann mitunter selbst schon mal zum Mittel der Informationsverweigerung.

Die wohldurchdachte Mitarbeiterinformation legt auch so manche Gerüchteküche trocken, bei deren Entwicklung weit mehr Energie und Zeit verschwendet werden als für die Verbreitung unternehmensrelevanter Informationen zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort gegenüber dem richtigen Adressaten. Was muss, kann, soll und will ich wem wann und wie kommunizieren? In der Beantwortung dieser Frage stecken alle Gründe und Abgründe von Kommunikation, von der gesetzlich geregelten Pflichtinformation wie der (Will-)Kür der „Einweihung“ in Betriebsgeheimnisse – und nicht zuletzt alles, was das Miteinander in Organisationen seltsam geheimnisvoll werden lässt.

Nicht von ungefähr hat Karl Jaspers die Fähigkeit wie Unfähigkeit zur Kommunikation als Spezifikum des Menschlichen definiert. In einer Gesellschaft, die Dienstleistung auf ihre Fahnen geschrieben hat, ist der Ausweg aus diesem Dilemma einfach gefunden: Kommunikation ist Dienstleistung. Und die kennt Lieferanten und Kunden – in der Praxis ausgestattet mit der Konsequenz, dass der Lieferant von heute der Kunde von morgen ist. Basierend auf dem Verständnis von Kommunikation als Dienstleistung, gilt es auch in der Immobilienbranche, Strategien interner Unternehmenskommunikation zu entwickeln, die realisierbar sind und einem übergreifenden Zweck dienen: dem Erfolg des Unternehmens.

Die Nutzungsrechte wurden The Property Post zur Verfügung gestellt von Dr. Kurt E. Becker
Erstveröffentlichung: Die entkoppelte Kommunikation. Warum wir immer mehr wissen, aber immer weniger verstehen, Lindemanns, Bretten 2022, S. 184 - 186

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