11.08.2026

Marktradar August 2026

Zentralbanken zögern noch, langfristige Zinsen steigen dennoch weiter an

Francesco Fedele, CEO, BF.direkt AG
Prof. Dr. Steffen Sebastian, Lehrstuhl für Immobilienfinanzierung (Real Estate Finance), IREBS Institut für Immobilienwirtschaft
Francesco Fedele

Die EZB, die Fed und die Bank of England haben ihre Leitzinsen zuletzt unverändert gelassen. Im Laufe des Jahres ist aber mit weiteren Zinserhöhungen der Zentralbanken zu rechnen. Die Kapitalmärkte haben bereits auf die höheren Inflationserwartungen reagiert. Für die langfristigen Zinsen könnte in den nächsten Jahren auch die Fiskalpolitik an Bedeutung gewinnen. Deutschland muss seinen Haushalt konsolidieren. 

Geldpolitik: Weitere Zinserhöhungen bleiben wahrscheinlich
Die Europäische Zentralbank hat ihre Leitzinsen im Juli unverändert gelassen. Der Einlagenzins liegt damit weiterhin bei 2,25 Prozent, nachdem er im Juni um 25 Basispunkte erhöht worden war. Die EZB begründete ihr Abwarten mit der hohen Unsicherheit und damit, dass die vollständigen Auswirkungen des Energiepreisschocks auf die Inflation noch nicht zu erkennen seien. Die Entscheidung bedeutet deshalb eindeutig keine Entwarnung, sondern lediglich, dass die EZB vor einem weiteren Schritt zusätzliche Informationen abwarten will.

Im Juni war die Inflationsrate im Euroraum von 3,2 auf 2,8 Prozent zurückgegangen. Im Juli stieg sie jedoch bereits wieder auf 2,9 Prozent. Auffällig ist der deutliche Anstieg der Energiepreise um zehn Prozent gegenüber dem Vorjahresmonat. Auch in Deutschland ist die Inflationsrate nach einem Anstieg von 2,3 Prozent im Juni im Juli voraussichtlich auf 2,8 Prozent gestiegen. Der Rückgang im Juni war damit offenbar keine belastbare Trendwende. In jedem Fall liegt die Inflationsrate zu weit entfernt von der Zielmarke der EZB von 2,0 Prozent.

Die drei großen Notenbanken befinden sich in einer ähnlichen Situation
Die Märkte rechnen deshalb mit weiteren Zinserhöhungen. Nach der Juli-Entscheidung gingen die Geldmärkte davon aus, dass die EZB ihre Leitzinsen bis Anfang 2027 noch um insgesamt etwa 50 Basispunkte erhöhen könnte, beginnend möglicherweise bereits im Herbst. Auch eine Mehrheit der von Reuters befragten Volkswirte erwartete vor der Sitzung eine weitere Erhöhung im September. Ob diese tatsächlich kommt, wird vor allem von den Energiepreisen und den nächsten Inflationsdaten abhängen. 

Auf der anderen Seite des Atlantiks agiert die Fed ähnlich. Auch sie hat ihre Leitzinsen zunächst unverändert gelassen. Dies geschah allerdings nicht, weil die amerikanische Inflation als unproblematisch angesehen würde. Immerhin drei Mitglieder des Offenmarktausschusses stimmten bereits für eine Erhöhung. Angesichts des erheblichen politischen Drucks auf die Fed, die Zinsen zu senken, ist die Entscheidung für unveränderte Zinsen zumindest als kleines Signal für ihre Unabhängigkeit zu werten. Dennoch werden im weiteren Verlauf des Jahres steigende Zinsen erwartet: Die Märkte sehen derzeit eine Wahrscheinlichkeit von mehr als 50 Prozent für eine Erhöhung im September.

In einer vergleichbaren Situation befindet sich die Geldpolitik des Vereinigten Königreichs: Die Bank of England beließ ihren Leitzins ebenfalls unverändert bei 3,75 Prozent. Die Entscheidung fiel mit sechs zu drei Stimmen jedoch knapper aus als erwartet. Drei Mitglieder votierten bereits für eine Erhöhung. Während die Märkte noch mit einem Zinsschritt im weiteren Jahresverlauf rechnen, sind die befragten Volkswirte zurückhaltender. 

Zentralbanken verhalten sich abwartend, schließen Zinserhöhungen aber nicht aus
Fazit: Die drei wichtigsten Zentralbanken warten damit trotz unterschiedlich hohem Inflationsdruck ab. Unisono werden weitere Erhöhungen aber ausdrücklich oder faktisch nicht ausgeschlossen. Die langfristigen Kapitalmarktzinsen reagieren dagegen schon heute auf die Erwartung, wie sich Inflation und Leitzinsen in den nächsten Monaten entwickeln könnten – und offenbar erwarten die Marktteilnehmer überwiegend höhere Inflationsraten. 

Der gegenwärtige Zinsanstieg ist aus unserer Sicht dagegen kein Hinweis auf Zweifel an der Bonität der Bundesrepublik. Deutschlands Schuldenstand ist trotz der höheren Kreditaufnahme mit voraussichtlich 66,5 Prozent Ende 2026 weiterhin deutlich niedriger als der Durchschnitt der Eurogruppe. Für die kommenden drei bis fünf Jahre könnte die Fiskalpolitik dennoch an Bedeutung gewinnen. Das Mitglied des Sachverständigenrates Veronika Grimm warnt, dass im Jahr 2029 die erwarteten Einnahmen des Staates bereits vollständig durch Sozialausgaben, Verteidigung und Zinszahlungen aufgezehrt werden könnten. Das ist natürlich eine zugespitzte Warnung, beschreibt aber zutreffend den finanzpolitischen Handlungsdruck. 

Zinsentwicklung
Im Juli 2026 sind die Zinsen über nahezu alle Laufzeiten gestiegen. Der 3-Monats-Euribor erhöhte sich von 2,31 Prozent zu Monatsbeginn auf 2,48 Prozent am Monatsende. Der 6-Monats-Euribor stieg im gleichen Zeitraum von 2,55 auf 2,71 Prozent. Damit preist auch der Geldmarkt zunehmend ein, dass das aktuelle Leitzinsniveau nicht nur länger bestehen bleibt, sondern weitere Erhöhungen möglich sind.
Noch ausgeprägter war die Bewegung am langen Ende. Der 10-Jahres-Swap stieg von 2,93 Prozent zu Monatsbeginn auf zwischenzeitlich 3,23 Prozent und lag Ende Juli bei 3,20 Prozent. 

Auswirkungen auf die Immobilienfinanzierung und Ausblick
Für Projektentwickler und Bestandshalter bedeutet das Abwarten der EZB keine Entlastung. Die kurzfristigen Zinsen sind gestiegen, und die langfristigen Konditionen haben sich sogar noch stärker erhöht. Weitere Zinserhöhungen im laufenden Jahr sind nicht sicher, werden von den Märkten aber inzwischen als wahrscheinliches Szenario behandelt. Bestandshalter sollten daher jetzt eine langfristige Zinsfestschreibung prüfen, sofern Cashflow und Beleihungsauslauf dies zulassen.

Die Nutzungsrechte wurden The Property Post zur Verfügung gestellt von BF.direkt & IREBS Institut für Immobilienwirtschaft Universität
Erstveröffentlichung: BF.direkt, August 2026

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