11.08.2026

Rand mit Blockrand

Der Architekt Tobias Nöfer spricht über seine Pläne für das Tempelhofer Feld.

Tobias Nöfer, Architekt, Nöfer Architekten
Tobias Nöfer

Herr Nöfer, Sie haben die Diskussion um die Bebauung des Tempelhofer Feldes wieder angestoßen. Wie groß sind Ihrer Ansicht nach die Chancen, dass dort tatsächlich einmal Wohnungen entstehen?
Die Chance ist realistisch – wenn Politik und Gesellschaft bereit sind, die großen Herausforderungen Berlins gemeinsam und entschieden anzugehen. Dazu gehört auch die Bereitschaft, Wohnungen zu bauen, und zwar nicht nur abstrakt irgendwo, sondern auch „in my backyard“.

Wenn sich die relevanten Parteien darauf verständigen können, dass wir den Wohnungsmangel vor allem durch mehr Wohnungsbau lösen und dafür auch große Projekte angehen müssen, kann die Randbebauung des Tempelhofer Feldes sehr bald Wirklichkeit werden. Ich glaube an die besondere Kraft Berlins.

Was ist aus Ihrer Sicht das stärkste Argument gegen eine Bebauung und wie lässt es sich entkräften?
Es gibt aus meiner Sicht vier häufig vorgebrachte Einwände gegen eine Randbebauung, die sich bei genauerer Betrachtung jedoch gut entkräften lassen: „Baut doch erst mal die anderen Projekte“: Um den großen Wohnungsmangel zu beheben, brauchen wir die Projekte, die bereits in der Pipeline sind, und zusätzliche große Vorhaben wie die Randbebauung des Tempelhofer Feldes. Wenn man sieht, wie selbst bei lange geplanten Projekten wie dem Pankower Tor immer wieder neue Hindernisse entstehen, wird deutlich: Wir können es uns nicht leisten, ein Projekt gegen das andere auszuspielen. Berlin braucht sie alle.

„Das Feld ist doch die grüne Lunge Berlins, wir brauchen es zur Kaltluftentstehung“: Aktuelle Untersuchungen zeigen, dass das Tempelhofer Feld trotz seiner enormen Größe nur eine begrenzte Kühlwirkung hat. Der NABU-Bundesvorsitzende hat deshalb jüngst mehr Verschattung, Bäume und Gehölze, Entsiegelung und einen besseren Wasserrückhalt gefordert. Er hält ausdrücklich eine Randbebauung bei gleichzeitiger ökologischer Weiterentwicklung des Feldes für möglich. Genau das schlagen auch wir vor. Allein in unserer Randbebauung planen wir über 5.000 Bäume in Innenhöfen und Straßenräumen. Das verbleibende Feld sollte ebenfalls ökologisch weiterentwickelt werden. So können Stadtentwicklung, Naturschutz und Klimaanpassung gemeinsam gedacht werden.

„Hier sollen doch nur wieder Investoren reich gemacht werden“: Nach unserem Vorschlag sollen sämtliche 21.400 Wohnungen auf dem Feld von den landeseigenen Gesellschaften realisiert werden. Wenn das Abgeordnetenhaus es so entscheidet, können dort auch gemeinnützige Stiftungen oder Genossenschaften tätig werden. Jeder Euro soll in günstige und gute Wohnungen fließen.

„Wenn man erst einmal anfängt zu bauen, wird man den Rest des Feldes irgendwann auch noch zubauen“: Auch diese Sorge muss man ernst nehmen. Deshalb schlagen wir vor, die rund 200 Hektar große Freifläche in der Mitte in eine gemeinnützige Stiftung zu geben und sie damit dauerhaft vor Bebauung zu schützen. Die Berlinerinnen und Berliner sollen sich nicht auf ein Versprechen verlassen müssen – der Erhalt des Feldes soll langfristig gesichert sein.

Wie stellen Sie sich das künftige Nebeneinander von Wohnen und Freizeitnutzung am Tempelhofer Feld vor? Werden künftig auch Streetkiting, Ärzte-Konzerte und Drachenfeste möglich sein?
Das Tempelhofer Feld ist riesig – die meisten Menschen unterschätzen seine Dimensionen massiv. Die rund 200 Hektar, die in der Mitte freibleiben sollen, sind größer als der Hyde Park in London. Auf dieser gewaltigen Fläche bleibt auch künftig Raum für Streetkiting, Drachenfeste, Konzerte und die vielen anderen Freizeitnutzungen, die das Tempelhofer Feld heute ausmachen.

Warum favorisieren Sie an diesem Standort die Berliner Blockbebauung? Wäre ein Kranz von Hochhäusern nicht sinnvoller?
Es gibt zu unserem Vorschlag sicher hunderte Varianten, wie auch der Wettbewerb im vergangenen Jahr gezeigt hat. Wir favorisieren die Berliner Blockstruktur, weil sie eine hohe Dichte mit lebendigen Straßenräumen, geschützten und begrünten Höfen, Nutzungsmischung und vielfältiger Architektur verbinden kann. Wir sind ja nicht prinzipiell gegen Hochhäuser, aber wären denn Hochhäuser am Feld mit seinem weiten Horizont wirklich die richtige Antwort? Der freie Blick über das Feld und damit eine seiner besonderen Qualitäten bleibt mit unserem Vorschlag erhalten.

Ein weiterer wesentlicher Vorteil ist der lärmschützende Städtebau: Die geschlossene Blockstruktur hält den Lärm weitgehend aus den Innenhöfen heraus und schafft dort ruhige, geschützte Wohn- und Aufenthaltsbereiche.

Unser Entwurf hat außerdem den Vorteil, dass er finanziell durchgerechnet ist. Er zeigt konkret, wie günstiger Wohnraum und soziale Mischung mit einem nachhaltigen Städtebau verbunden werden können. Kurzum: Es ist ein ökologisch, sozial und politisch realistischer Vorschlag.

Welche Nutzungen – neben Wohnen – sehen Sie noch am Tempelhofer Feld?
Alle Berlinerinnen und Berliner kennen die urbanen Qualitäten von Bergmannstraße, Mommsenstraße, Kollwitzplatz oder Boxhagener Straße. Diese Mischung aus Wohnen, Kleingewerbe, Kultur, Handwerk und ab und zu einer Kneipe stellen wir uns auch für die Randbebauung am Tempelhofer Feld vor.
Wir wollen dort nicht einfach ein Wohnungsbauprojekt erreichen, sondern ein neues und lebendiges Stück Berlin. Dass wir uns diese gemischte, kleinteilige Struktur auch für neue Stadtquartiere vorstellen, ist ein Paradigmenwechsel im Städtebau.

Und dass eine solche lebendige Stadt auch mit landeseigenen Wohnungsbaugesellschaften möglich ist, zeigt etwa der Chamissoplatz in Kreuzberg: Mehr als 60 Prozent der denkmalgeschützten Häuser dort gehören der landeseigenen GEWOBAG.

Die Nutzungsrechte wurden The Property Post zur Verfügung gestellt von Nöfer Architekten
Erstveröffentlichung: The Property Post, August 2026

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