04.08.2026

Widerstände gegen Bauvorhaben

Stefanie Frensch, Vorstand Familienstiftung Becker & Kries und Geschäftsführerin, Becker & Kries Holding GmbH & Co.KG
Stefanie Frensch

Interview mit Stefanie Frensch, Vorstand Familienstiftung Becker & Kries und Geschäftsführerin der Becker & Kries Holding GmbH & Co. KG,  über die Chance mehr Wohnungsbau demokratisch zu ermöglichen.
 
Hat sich der Widerstand gegen Bauvorhaben verschärft? 
Ich würde nicht sagen, dass sich der Widerstand grundsätzlich verschärft hat – er ist vielmehr seit Jahren auf einem konstant hohen Niveau. Häufig erleben wir, dass Menschen den Verlust bestehender Freiräume unmittelbarer wahrnehmen als den langfristigen Nutzen neuen Wohnraums. Flächen, die über viele Jahre brachlagen oder informell genutzt wurden, werden verständlicherweise als Teil des eigenen Lebensumfelds empfunden. 

Aber Berlins einzigartiges Verwaltungssystem mit unterschiedlichen Regierungszusammensetzungen in Bezirken und Senat führt natürlich auch zu Uneinigkeit auf Verwaltungsseite zu Bauvorhaben, die durchaus den Widerstand auch noch verstärken können.
 
Bedauerlich finde ich, dass Debatten inzwischen absolutistisch und öffentlich geführt werden. Dadurch bleibt immer weniger Raum für konstruktive Kompromisse, obwohl gerade sie Voraussetzung dafür sind, tragfähige Lösungen zu finden. 

Gleichzeitig verfügt Berlin weiterhin über erhebliche Flächenreserven und -potenziale, sowohl auf Entwicklungsflächen als auch durch Nachverdichtung. Diese Möglichkeiten sollten wir verantwortungsvoller nutzen.

Die Ursachen für die Vorbehalte sind sicher vielfältig, wo sind die Grenzen berechtigter Mitsprache? 
Bürgerbeteiligung ist ein wichtiger Bestandteil demokratischer Entscheidungsprozesse. Gleichwohl bedeutet Mitsprache immer auch Verantwortung für das Gemeinwohl. 

Wer investiert, Planungsrisiken übernimmt und sich an die rechtlichen Rahmenbedingungen hält, trägt eine andere Verantwortung als jemand, der ausschließlich die Auswirkungen auf das unmittelbare Wohnumfeld betrachtet. Beide Perspektiven sind legitim, sie müssen jedoch angemessen gewichtet werden. 

Aber ganz klar, in vielen Ländern mit direkten Mitspracheinstrumenten werden bei bedeutenden Infrastruktur- oder Wohnungsbauprojekten nicht nur unmittelbar Betroffene einbezogen, sondern größere Teile der Stadtgesellschaft. Das halte ich grundsätzlich für sinnvoll. Denn wir sind uns meist einig, dass mehr Wohnungen, Schulen oder soziale Infrastruktur benötigt werden – nur eben möglichst nicht genau vor der eigenen Haustür.

Um diese teils nachvollziehbare, aber sehr subjektive Perspektive zu erweitern, braucht es Beteiligungsformate, die auch das gesamtstädtische Interesse abbilden. Dies bedeutet auch, Verbände, Vereine und insbesondere Bewohner von größeren Sozialräumen in Entscheidungen einzubeziehen. In Berlin gibt es diese Instrumente bislang nicht und Mitsprache wird jeweils individuell und durchaus interessensgeleitet organisiert.

Welche Ämter sollten bei ihren Entscheidungen stärker priorisieren? 
Ich bin mir sicher, dass Wohnungsbau sowohl in den Bezirken als auch auf Senatsebene durchgängig eine hohe Priorität genießt. Die zuständigen Kolleginnen und Kollegen in den Verwaltungen sind bemüht, Lösungen zu ermöglichen. 

Entscheidend wird sein, die Ansätze des “Schneller-Bauen-Gesetzes” nunmehr mit Leben zu füllen und konsequent umzusetzen. Ein professionelles Projektmanagement kann Verfahren deutlich effizienter gestalten. 

Vor allem aber ist es wichtig, dass Vorgesetzte den Bearbeitern in ihren jeweiligen Ressorts den Rücken stärken, auch Kompromisse einzugehen und davon abzuweichen, individuell formulierte Maximalforderungen durchzusetzen. In einer Kultur der Zusammenarbeit, in der alle Ämter - Naturschutz, Verkehr, Stadtplanung und Bau - gemeinsam die bestmögliche Lösung entwickeln, statt Einzelinteressen gegeneinander abzuwägen - dann wirds was. Dafür braucht es jedoch den politischen Rückhalt, pragmatische Kompromisse eingehen zu können.

Was kann man tun, damit Wohnungsbau bei der Berliner Bevölkerung wieder populär wird? 
Ich glaube, es ist zu viel verlangt, dass die Berlinerinnen und Berliner, die gerade eine eigene bezahlbare Wohnung haben - und by the way, das ist die große Mehrheit - Wohnungsbau wirklich “populär finden werden und müssen”. 

Aber wir alle müssen verstehen, dass in einer wachsenden Stadt mehr Wohnungen gebraucht werden und damit Einschränkungen verbunden sind. Neubau bedeutet zwangsläufig Veränderung. Liebgewonnene Wiesen werden bebaut, in der Nachbarschaft gibt's Baulärm und die Hauptstraße ist mehr frequentiert als zuvor. Das ist so. Allerdings sind wir uns in unserer Stadt doch eigentlich in der überwiegenden Mehrheit einig, dass wir eine offene Stadt sind und gerne Menschen willkommen heißen. Wir wünschen uns, dass unsere Kinder, die gerne in Berlin bleiben wollen, eine Wohnung ebenso finden wie ältere Menschen barrierefreie Wohnungen. 

Wenn wir in Politik und Gesellschaft gemeinsam vermitteln, dass es zum Wohnungsneubau keine demokratische Alternative gibt, wenn es uns gelingt, diesen Schulterschluss zu machen, dann können wir uns auf die entscheidende Frage konzentrieren: Wie gestalten wir neue Quartiere so, dass sie einen Mehrwert für alle schaffen? Zusätzliche Bäcker, Kitas, ein Seniorenzentrum oder einfach nur eine schöne Grünfläche oder Treffpunkte können nicht nur den neuen Bewohnerinnen und Bewohnern zugutekommen, sondern auch den bestehenden Nachbarschaften. Hier gibt es vielfältige Möglichkeiten, die aber alle mit dem Konsens beginnen, dass gebaut wird.

Sollten Politiker transparent machen, wieviel Wohnungsbau Sie in ihren Wahlkreisen ermöglicht beziehungsweise verhindert haben? 
Nein, insbesondere nicht im Sinne einer öffentlichen Zuschreibung, wer Wohnungsbau vermeintlich verhindert hat. Das Thema Neubau ist zu komplex, um Verantwortung auf einzelne Personen zu reduzieren. Eine solche Personalisierung trägt aus meiner Sicht nicht zu einer sachlichen Debatte bei. 

Transparenz darüber, welche Wohnungsbauprojekte in einem Bezirk ermöglicht wurden, ist dagegen sinnvoll und wird vielerorts bereits praktiziert. Dabei muss jedoch berücksichtigt werden, dass die Voraussetzungen sehr unterschiedlich sind: Charlottenburg-Wilmersdorf verfügt schlicht über andere Flächenpotenziale als beispielsweise Lichtenberg und kann selbst bei allergrößter Willenskraft die dortigen Neubauzahlen nicht erreichen. 

Entscheidend ist daher weniger der reine Zahlenvergleich als die Frage, ob die vorhandenen Potenziale verantwortungsvoll und konsequent genutzt werden.

Die Nutzungsrechte wurden The Property Post zur Verfügung gestellt von The Property Post
Erstveröffentlichung: The Property Post, August 2026

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