Interview mit Andreas Schulten, Gründer von STADTWERTE über das schwierige Verhältnis von Berlin und Immobilienbranche
Herr Schulten, im Berliner Wahlkampf erscheint die Immobilienwirtschaft vor allem als Objekt der Regulierung. Insbesondere auf Seiten der Linken wird ein harter Kampf gegen Mietenmafia und Spekulanten geführt. Warum hat die Branche so ein schlechtes Image in der Stadt?
Nun das schlechte Image der Immobilienwirtschaft ist jetzt kein berlinspezifisches Phänomen. Immobilien sind für den urbanen Laien oft in erster Linie Bürogebäude – und wer braucht schon Büros, wenn er von Zuhause aus arbeiten kann? Darüber hinaus ist Immobilie all das, womit man in seinem Zuhause am liebsten nichts zu tun haben will, was aber als Miete und Betriebskosten monatlich den eigenen Kontostand belastet. Mit anderen Worten: Immobilien sind in der öffentlichen Wahrnehmung in der Regel nicht schön und eigentlich immer zu teuer. Eine Politik, die daran etwas ändern will, kann nur gewinnen, egal ob sie es wirklich kann.
Berlinspezifisch ist allerdings die Erinnerung einen Mietmarkt, auf dem es Immobilien und Mieten als Problem praktisch nicht gab und wo Vermieter unvermeidbar aber kaum von Bedeutung waren, weil man ohne jederzeit in eine andere günstige Wohnung ziehen konnte. Dieser Markt ist in einer als Projektionsfläche immer noch präsent und die bestimmt das Niveau, von dem aus die Immobilienbranche zur Zielscheibe im öffentlichen Diskurs wird.
Das heißt, die Branche trägt keine Schuld daran, dass man sie nicht mag?
Nicht ganz. Die rasche Veränderung von Nachfrage und Preisniveau hat zweifellos einige Glücksritter in die Stadt gespült, die ohne Knowhow und eigenes Kapital sehr viel Geld gemacht haben. Diese Profiteure des Berlinbooms haben zweifellos nicht nur die Budgets ihrer Mieter, sondern auch das Image der Branche schwer belastet. Die Heuschrecke als Metapher ist jedenfalls dem Berliner eingängiger als das Bild vom kleinen Vermieter, der seine wohlverdiente Altersvorsorge absichert.
Was kann man dagegen tun?
Die Branche muss insgesamt nachhaltiger werden. Es mag je sein, dass Baugrundstücke und Bestandsgebäude in der Vergangenheit zu teuer gemacht und zu teuer eingekauft worden sind. Das enthebt einen Unternehmer jedoch nicht von der Verantwortung der Anpassung. Immobilien sind nichts, ohne Menschen, die sie nutzen wollen und können. Untrennbar von der nachhaltigen Wertentwicklung von Immobilien sind daher die Aspekte der Leistbarkeit und der Bildung.
Wo es nicht gelingt, ein allgemein hohes Bildungsniveau zu etablieren, gibt es Segregation und lokalen Verfall. Daher ist das S bei ESG auch so wichtig. Sozial nachhaltig sind aus meiner Sicht Investitionen, die die Chancengleichheit der Bevölkerung gewährleisten und nicht gefährden. In diesem Sinne halte ich es auch für gefährlich, dass sich der Staat aus dem Bereich der außerschulischen Bildung immer stärker zurückzieht und das Ehrenamt fast überall zum Standard wird. Ehrenamt ist sicherlich gut für den sozialen Zusammenhalt, man muss es sich aber auch leisten können.
Braucht die Immobilienbranche mehr soziologische Expertise?
Sie sollte das Soziale jedenfalls nicht jenen überlassen, die von Kapital und Bauen keine Ahnung haben. Das betrifft sowohl die Analyse der Grundlagen als auch die Beurteilung der Ergebnisse bzw. der Auswirkungen ihres Tuns. Erfolgreiche Projektentwicklungen beispielsweise zeichnen sich dadurch aus, dass sie den umgebenden Stadtraum mit einbeziehen und dieses wiederum befruchten. Stadt ist in erster Linie eine soziale Ressource, die nur dort entsteht, wo viele unterschiedliche Menschen über längere Zeit im öffentlichen Raum miteinander interagieren. Diese Interaktion sollten Immobilien erleichtern.
Stadt ist zudem ein Ort, der durch Veränderung geprägt ist und von dem Veränderung ausgeht. Berlin hat diesbezüglich durchaus Potenzial. Damit Veränderung auch baulich gestaltet werden kann, braucht es allerdings viel Kapital und hier wünsche ich mir insbesondere für Berlin eine bessere Zusammenarbeit zwischen ziviler Stadtgesellschaft und Immobilienwirtschaft. Viele, die Kompetenzen in der Stadtplanung haben oder behaupten, haben von Geld keine Ahnung, brauchen aber in der Regel eine Menge davon.
Wie kann das Interesse an der urbanen Entwicklung gestärkt werden?
Ein möglicher Baustein scheint mir eine breite Eigentumsförderung. Denn als Eigentümer habe ich ein wirtschaftliches Interesse, dass sich meine Stadt besonders gut und dynamisch entwickelt. Das wirkt auch deeskalierend, weil beispielsweise die Aufwertung von Quartieren und ein wachsendes Interesse von außen den bedrohlichen Aspekt der Mietsteigerung verlieren.
Da ist vor allem im vergangenen Jahrzehnt viel verschlafen worden. Als Anfang der 2010er Jahre die Preise noch niedrig waren, die Bevölkerung wuchs und die Zinsen zurückgingen, hätte die Landespolitik den Berliner bewusst machen sollen, dass Berlin nicht zwangsläufig eine Mieterstadt ist und einen Baukasten bereithalten müssen, um die Eigentumsbildung zu erleichtern. Diese Gelegenheit wurde leider verschlafen.
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Erstveröffentlichung: The Property Post, Juli 2026