09.01.2026

Zur Wirkung des Bau-Turbos

§ 246e BauGB beschleunigt den Wohnungsbau – doch Kapazitäten, Geld und soziale Ziele bremsen.

Dr. Paul Kowitz, Geschäftsführer, KPC Berlin GmbH
Dr. Paul Kowitz

Der Bau-Turbo soll den Wohnungsbau beschleunigen, riskiert aber Zielkonflikte: mehr Tempo bei Genehmigungen trifft auf knappe Kapazitäten, ökologische Grenzen und ungelöste soziale wie finanzielle Probleme.

Mit dem neuen § 246e im Baugesetzbuch (BauGB) möchte die Bundesregierung dem oft zitierten Wohnungsneubau eine neue Schubkraft verleihen. Dieses „Turbo“-Instrument, befristet bis Ende 2030, erlaubt unter bestimmten Voraussetzungen erhebliche Abweichungen von planungsrechtlichen Vorschriften – etwa den Verzicht auf ein Bebauungsplanverfahren. Im Kern soll es Kommunen ermöglichen, selbst zu entscheiden, wann Tempo gemacht werden kann: bei Aufstockung, Nachverdichtung oder Umnutzung.

Beschleunigung mit Bedingungen: Kein Freifahrtschein für Kommunen
Der Bau-Turbo steht damit in einem klaren Spannungsverhältnis: Er ist nicht als Freifahrtschein angelegt, sondern als strukturiertes Experiment. Während das Gesetz temporäre Erleichterungen bietet, betont es zugleich die kommunale Selbstverwaltung – Gemeinden müssen zustimmen, und Nachbar- oder Umweltschutzbelange bleiben nicht vollständig ausgeklammert.

Haufe bezeichnet als Ausgangspunkt eine „dunkle Triade“, die den Wohnungsbau massiv ausbremst: Grundstückspreise, Baukosten und Zinsen sind in den vergangenen Jahren stark gestiegen, gleichzeitig stagniert die Produktivität im Baugewerbe. Selbst wenn politisch der Wille zum Bauen besteht, endet er häufig an diesen harten ökonomischen Grenzen – der Bau-Turbo soll hier einen Gegenimpuls setzen.

Die Idee ist: Wenn Genehmigungsverfahren entlastet, Normen flexibler interpretiert und bürokratische Hürden reduziert werden, könnte das Bauen schneller, günstiger und effizienter werden. Kommunen erhalten durch § 246e einen bedeutenden Spielraum, ohne dass der Bund zentral eingreift.

Das Gleichgewichtsexperiment: Sechs strukturelle Grenzen des Bau-Turbos
Trotz des ambitionierten Ansatzes bleibt der Bau-Turbo ein Gleichgewichtsexperiment – mit klaren Begrenzungen:
1.    Baukapazitäten. Ein Gesetz kann Verfahren beschleunigen, aber nicht von heute auf morgen Fachkräfte herzaubern. Es fehlt nicht nur an Planungskapazitäten, sondern auch an Handwerkern, Arbeitskräften und ausreichend Budget, um alle genehmigten Projekte tatsächlich umzusetzen. Ohne Menschen auf der Baustelle bleibt ein schnelleres Gesetz zu einem großen Teil wirkungslos. 
2.    Föderale Hürden. Das föderale System bleibt ein Hemmnis: Zwar setzt der Bund den Rahmen, aber die realen Entscheidungen treffen die Kommunen – und die sind sehr unterschiedlich ausgestattet, politisch orientiert und mit verschiedenen Prioritäten unterwegs. Nicht jede Gemeinde wird den Turbo nutzen, nicht jede will auf Umwelt- oder Beteiligungsrechte verzichten.
3.    Umwelt- und Beteiligungsrecht. Der Gesetzgeber hat zwar Erleichterungen gewährt (z. B. bei Lärm), doch erhebliche Umweltauswirkungen schließen die Nutzung des Turbos nicht zwingend aus. Gleichzeitig bleibt eine strategische Umweltprüfung möglich. Die Herausforderung besteht darin, das richtige Maß zu finden: Beschleunigung darf nicht zur Deregulierung um jeden Preis führen.
4.    Soziale Fragen. Kritiker wie die Deutsche Umwelthilfe (DUH) warnen, dass der Bau-Turbo ökologische Anforderungen untergraben und Spekulationen auf Bauland begünstigen könnte. Ohne verbindliche Quoten für gemeinwohlorientierten oder bezahlbaren Wohnraum besteht die Gefahr, dass neue Wohnungen nicht dort entstehen, wo sie dringend gebraucht werden, oder dass sie teuer werden.
5.    Investitionshemmnisse. Auch mit dem Turbo bleibt das Problem der Finanzierung bestehen: Hohe Zinsen, steigende Baukosten, knappe Grundstücke – das sind keine administrativen Hürden, sondern strukturelle Risiken. Zudem sorgen mietrechtliche Eingriffe weiterhin für Unsicherheit bei Investoren, was langfristige Bauvorhaben erschweren kann. 
6.    Bauwesen. Letztlich kann nicht das Gesetz allein den Wohnungsmarkt revolutionieren: Es braucht auch qualitatives Planen, solide Umsetzungsfähigkeit, nachhaltige Finanzierung und kluge Stadtentwicklung. Der Bau-Turbo ersetzt kein Handwerk – er schafft nur wieder Raum für Planung.

Mehr Drehmoment, aber kein neuer Motor
Man kann sich den Bau‑Turbo vorstellen wie einen leistungsstarken Zusatzturbo in einem Automotor: Er kann kurzfristig das Drehmoment erhöhen, das Fahrzeug beschleunigt, aber ohne ein solides Getriebe, ohne stabile Bauteile und genug Treibstoff nutzt der zusätzliche Schub wenig oder kann sogar schaden. Genauso ist der § 246e kein Allheilmittel: Ohne eine starke Baubasis, klare Steuerung und nachhaltige Rahmenbedingungen bleibt der Mehrverbrauch an politischer Energie womöglich nur eine kurzfristige Beschleunigung, kein dauerhafter Antrieb.

Der Bau-Turbo ist durchaus ein mutiger Schritt – er gibt Kommunen mehr Gestaltungsspielraum, verkürzt Verfahren und setzt ein politisches Signal. Aber er ist kein Alleskönner: Die „dunkle Triade“ – hohe Grundstückspreise, Baukosten, Zinsen – bleibt unbequem. Die föderalen Strukturen hemmen schnelle Umsetzung, und ökologische sowie soziale Risiken dürfen nicht übergangen werden.

Ob der Turbo zu einem echten Motor einer nachhaltigen, gemeinwohlorientierten Bauoffensive wird oder nur ein symbolischer Boost bleibt, hängt entscheidend davon ab, wie behutsam, umsichtig und konsequent die neuen Instrumente eingesetzt werden. Es ist weniger ein Freifahrtschein als ein Vertrauensvorschuss – und damit eine Herausforderung, kein Selbstläufer.

Die Nutzungsrechte wurden The Property Post zur Verfügung gestellt von KPC Berlin GmbH
Erstveröffentlichung: The Property Post, Januar 2026

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