13.01.2026

Defence als Flächentreiber

Neue Logistik- und Industriestandorte abseits der Hotspots

Tobias Kassner, Head of Research & ESG, Member of the Executive Board, GARBE Industrial
Tobias Kassner

Innerhalb kurzer Zeit hat sich die Verteidigungspolitik in Europa von einem Randthema zu einem zentralen Bestandteil wirtschaftlicher und sicherheitspolitischer Strategien entwickelt. Dieser Kurswechsel greift tief in zahlreiche Branchen hinein und wirkt insbesondere für die Logistik als langfristiger Bedarfstreiber. Die Dimensionen sind enorm: Allein im Bereich der Ausrüstungsbeschaffung wird in Deutschland ein zusätzliches Investitionsvolumen für Ausrüstung, Geräte und Fahrzeuge von rund 42 Milliarden Euro erwartet, das zu den bestehenden Haushaltsmitteln hinzukommt. In der EU und dem Großbritannien sind es zusammengenommen sogar 152 Milliarden Euro. 

Mit jeder Milliarde Euro Investition entstehen im Schnitt rund 1.300 neue Arbeitsplätze – und damit ein erheblicher zusätzlicher Flächenbedarf. Allein in Deutschland erwartet GARBE Industrial zwischen 2024 und 2030 einen potenziellen zusätzlichen Bedarf von rund 9,8 bis 19,6 Millionen Quadratmetern an Industrie- und Logistikflächen. Etwa 80 Prozent davon entfallen auf eigengenutzte Immobilien. Für den institutionellen Markt ergibt sich ein potenziell investierbares Volumen von 2,0 bis 3,9 Millionen Quadratmetern. Parallel dazu hat sich die Wahrnehmung von Defence-Immobilien in den vergangenen zwei Jahren grundlegend gewandelt: Was lange auf Ablehnung stieß, gilt – vor dem Hintergrund einer veränderten globalen Sicherheitslage – zunehmend als investierbare und strategisch relevante Assetklasse. 

Resilienz durch Produktion in Europa 

Europa verfolgt zudem das klare Ziel, Fertigung und technisches Know-how im Verteidigungsbereich wieder stärker im eigenen Wirtschaftsraum zu verankern, die Produktion auszuweiten und europäische Lieferketten zu stabilisieren. Zwischen Mitte 2022 und Mitte 2023 gingen noch 63 Prozent aller EU-Verteidigungsaufträge an US-Unternehmen, weitere 15 Prozent an andere Anbieter außerhalb der EU. Bis 2030 sollen mindestens 50 Prozent der Verteidigungsausgaben innerhalb Europas bleiben, bis 2035 sogar mindestens 60 Prozent. 

Da Verteidigungsausgaben politisch sensibel sind, investieren viele Regierungen bevorzugt in nationale Vorzeigeunternehmen. Länder mit großer Rüstungsindustrie und hohen Verteidigungsetats dürften deshalb überproportional profitieren, allen voran Deutschland. Gefragt sind vor allem Technologien mit klarem militärischem Nutzen wie Drohnen- und Raketenabwehrsysteme sowie solche, die auch außerhalb des militärischen Bereichs hohe Relevanz besitzen, etwa Cyberfähigkeiten oder robuste militärische Infrastruktur. 

Erste Auswirkungen der sicherheitspolitischen Neuausrichtung zeigen sich bereits in der Logistik. Ab 2026 ist damit zu rechnen, dass sich der zusätzliche Bedarf zunehmend in konkreter Flächennachfrage niederschlägt. Der schnellste Hebel zur Kapazitätserhöhung bleibt der Ausbau bestehender Fertigungsstätten. Hinzu kommt die Umnutzung stillgelegter Fabriken, etwa aus der Automobil- oder Schienenfahrzeugindustrie. 

Steigende Nachfrage auch abseits der Hotspots 

Da die Rüstungsindustrie in hochspezialisierten Clustern organisiert ist, verlagert sich der Bedarf zunehmend auch an Orte abseits etablierter Logistikregionen. Standortentscheidungen im Verteidigungssektor orientieren sich dabei vor allem an hohen Sicherheitsanforderungen, Materialverfügbarkeit und der Nähe zu gesicherten Verkehrskorridoren wie Militärbasen, Häfen oder strategisch wichtigen Bahntrassen. Gefragt sind entweder sehr gut angebundene Standorte oder bewusst abgeschirmte Lagen. 

Europas Verteidigungssektor ist zwar deutlich kleiner als der der USA und steuerte in den vergangenen zehn Jahren lediglich neun bis 12 Prozent zum weltweiten Rüstungsumsatz bei. Doch steigende Budgets lassen seinen Anteil wachsen – getragen vor allem von Großbritannien, Frankreich und Deutschland, auf die mehr als zwei Drittel der europäischen Produktionsleistung entfallen. Der politisch gewollte Produktionsaufbau stärkt die Schwerpunktregionen zusätzlich und lässt neue industrielle Kernzonen entstehen. Für die Logistikbranche eröffnet das Potenziale über etablierte Hotspots hinaus, insbesondere in West- und Mitteleuropa. 

Hohe Anforderungen an Gebäude und Technik 

Neben den Anforderungen an den Standort stellt die Rüstungs- und Verteidigungsindustrie auch besondere Ansprüche an die Immobilien selbst. Gefragt sind Objekte mit erhöhter Sicherheitsarchitektur, klar getrennten Funktionsbereichen, kontrollierten Zutrittszonen sowie einer belastbaren Energie- und Gebäudetechnik. Viele Nutzer benötigen hohe Bodenlasten, flexible Hallenstrukturen und redundante Versorgungssysteme. Beispiel Luft- und Raumfahrt: Hersteller von Endsystemen wie Flugzeugen, Satelliten oder Drohnen und ihre Zulieferer arbeiten mit großdimensionierten, sensiblen Komponenten, die spezielle Hallenhöhen, Krananlagen oder verstärkte Fundamente verlangen. Sie benötigen Hochsicherheitslager und müssen über eine Schwerlastanbindung verfügen, etwa direkte Autobahn-, Bahn- oder Hafenanbindungen für große Komponenten wie Turbinen. Für Entwickler und Betreiber ergeben sich daraus spezialisierte Flächenprofile, die klassische Logistikstandards deutlich übertreffen. 

Der Überblick zeigt: Defence ist weit mehr als ein politisches Thema. Es entwickelt sich zu einem strukturellen Treiber der Logistik. Die Kombination aus höheren Verteidigungsausgaben, dem politisch forcierten Ausbau inländischer Produktion und dem Wunsch nach stabileren europäischen Lieferketten verändert die Nachfrage spürbar und eröffnet Chancen weit über die etablierten Hotspots hinaus. Für Unternehmen, Logistikdienstleister, Entwickler und Investoren entstehen dadurch attraktive, aber anspruchsvolle Potenziale. Gleichzeitig gilt: Der potenzielle Nachfrageeffekt ist erheblich, doch der zeitliche Verlauf bleibt unsicher. Europa befindet sich noch in einer frühen Phase mit steigender Aufmerksamkeit, politischem Willen und wachsenden Beschaffungszusagen. Diese wandeln sich erst nach und nach in konkrete Flächenbedarfe um. Daher ist die unmittelbare Wirkung noch kaum sichtbar, da Immobiliennachfrage typischerweise zeitlich hinter Budgetentscheidungen und Beschaffungsprozessen zurückliegt. 

Die Nutzungsrechte wurden The Property Post zur Verfügung gestellt von Garbe Industrial
Erstveröffentlichung: Logistik Heute Online, 26.12.25

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