20.01.2026

Neue Treiber der Stadtplanung

Chancen, Risiken und Instrumente gegen Verdrängung im Fokus der Stadtentwicklung

Dr. Paul Kowitz, Geschäftsführer, KPC Berlin GmbH
Dr. Paul Kowitz

Klimaanpassung, Mobilitätswende und neue Quartiersinfrastrukturen wirken in Städten nicht nur als Maßnahmen zur Risikoreduktion und Emissionssenkung — sie verändern auch den ökonomischen Wert von Stadträumen. Zahlreiche empirische Studien belegen, dass urbane Aufwertungen durch Begrünung, Hochwasserschutz oder verbesserten ÖPNV häufig mit steigenden Boden- und Mietpreisen einhergehen; der Prozess wird in der Fachliteratur als „green“ oder „climate gentrification“ bezeichnet. Langfristige Analysen über mehrere Städte zeigen eine positive Korrelation zwischen greening-Maßnahmen und nachfolgender sozio-ökonomischer Aufwertung ganzer Quartiere. 

Politischer Zielkonflikt: Klimaziele vs. soziale Stabilität
Die politische Brisanz liegt in der Zielkonfliktsituation: Städte müssen heute Klima- und Mobilitätsziele erreichen, gleichzeitig aber soziale Stabilität und bezahlbaren Wohnraum sichern. In Deutschland verschärft sich dieser Konflikt vor dem Hintergrund hoher Nachfrage und bereits signifikanter Mietsteigerungen in Ballungsräumen. Studien und Marktberichte zeigen, dass Mieten und Immobilienpreise in Großstädten in den letzten Jahren deutlich zugelegt haben, was besonders einkommensschwache Haushalte belastet.
Analytisch lassen sich drei Mechanismen unterscheiden, über die Infrastruktur- und Klimainvestitionen Verdrängung erzeugen können: (1) Aufmerksamkeits- und Imageeffekte (Medien, Planungsankündigungen), (2) direkte Angebotsveränderungen (Neubau-Projekte, Umwidmungen) und (3) Nachfrageverschiebungen (höhere Zahlungsbereitschaft für klimastabile und gut angebundene Quartiere). Diese Mechanismen wirken zusammen und können zeitlich versetzt ablaufen. Beispiel: Erste Begrünungen oder eine neue Tram-Linie führen oft erst nach einigen Jahren zu signifikanten Marktreaktionen.

Instrumente gegen Verdrängung: Regulierung, Förderung, Ankauf
Gegenmaßnahmen und Instrumente zur Minderung von Verdrängung lassen sich in drei Gruppen gliedern: marktregulierende, förderpolitische und akquisitorische Maßnahmen. Marktregulierend sind Instrumente wie Mieterschutzregelungen, Mietpreisbremse (mit ihren bekannten rechtlichen Begrenzungen) und Vorkaufsrechte der Gemeinden. Förderpolitisch zentral sind Sozialbindungen (Belegungsbindungen) bei gefördertem Wohnraum, langfristige Kofinanzierung mit Belegungsrechten sowie Zielquoten für geförderten Wohnungsbau bei Neubauprojekten. Akquisitorisch wirken kommunale Ankauf- und Zwischennutzungsfonds sowie die Förderung gemeinwirtschaftlicher Anbieter (Wohnungsbaugenossenschaften, kommunale Wohnungsbaugesellschaften), die aktiv Flächen sichern und zu sozial verträglichen Konditionen vermieten. Beispiele aus der Praxis zeigen Wirksamkeit, aber auch Grenzen: Wien gelingt es durch eine lange Tradition öffentlicher und genossenschaftlicher Wohnraumversorgung, große Teile des Wohnungsmarktes zu stabilisieren; der städtische Bestand dämpft Marktpreise und ermöglicht soziale Durchmischung. Die Struktur von Wien (hoher Anteil geförderter Wohnungen, Vergaberegeln, kontinuierliche Neubauprogramme) gilt als internationale Referenz, aber eben auch nicht überall replizierbar und schon gar nicht kurzfristig darstellbar.

Klimaanpassung sozial absichern
Gute Praxisbeispiele kombinieren technische Klimaanpassung mit sozialen Sicherungen: In geförderten Quartiersentwicklungen können verpflichtende Sozialquoten dazu beitragen, dass bezahlbarer Wohnraum verbindlich mitgedacht wird. Ergänzend sind Belegungsrechte für förderfinanzierte Wohnungen wichtig, damit Kommunen auch tatsächlich Einfluss darauf haben, wer dort wohnen kann. Außerdem braucht es langfristige Sozialbindungen statt nur befristeter Förderzeiträume, um soziale Stabilität dauerhaft zu sichern – wobei diese wiederum regelmäßig überprüft werden müssen, um Fehlbelegungen zu vermeiden. Sinnvoll sind zudem Partnerschaften mit Wohnungsgenossenschaften, die nicht nur den Erhalt der Gebäude übernehmen, sondern auch ein verlässliches Nachbarschaftsmanagement im Quartier leisten.
Gleichzeitig geraten kommunale Förderentscheidungen häufig in Zielkonflikte. So steht einer schnellen Klimawirkung – etwa durch kurzfristig umsetzbare Maßnahmen wie neue Parks oder mehr Straßengrün – oft ein längerfristiger sozialer Schutz gegenüber, zum Beispiel durch den Bau sozial gebundener Wohnungen oder den Ankauf bestehender Wohnungsbestände. Auch die Frage, wie finanzielle Mittel priorisiert werden – etwa für KfW-Programme oder kommunale Fonds – ist nicht neutral: Solche Entscheidungen haben Verteilungswirkungen und müssen daher politisch ausgehandelt werden.

Empfehlungen für eine integrierte Klima-, Mobilitäts- und Sozialpolitik
Empfehlungen für eine integrierte kommunale Praxis umfassen mehrere Bausteine: Erstens sollte es ein systematisches „Impact-Screening“ für neue Klima- und Mobilitätsmaßnahmen geben, um mögliche Verdrängungsrisiken frühzeitig zu erkennen. Zweitens braucht es verbindliche soziale Begleitmaßnahmen als klare Voraussetzung für Fördermittel, etwa durch Belegungsrechte oder Sozialquoten. Drittens ist es wichtig, gemeinwirtschaftliche Akteure gezielt zu stärken – zum Beispiel durch Ankaufshilfen und die Förderung von Genossenschaften. Viertens sollten Monitoring-Systeme etabliert werden, die die Entwicklung von Mieten sowie der sozialen Struktur kontinuierlich beobachten. Fünftens sind transparente Beteiligungsprozesse notwendig, damit Anwohnende frühzeitig und nachvollziehbar in Planungen eingebunden werden.
Solche Ansätze machen Planungsentscheidungen zwar komplexer, sind jedoch entscheidend, um die Synergien zwischen Klimaschutz, Mobilitätswende und sozialer Stadtentwicklung zu nutzen – ohne dabei unbeabsichtigt Verdrängung zu verstärken oder soziale Ungleichheiten zu verschärfen.
Klimaanpassung und Mobilitätsausbau sind unverzichtbar. Ihre städtebaulichen Effekte sind jedoch wirtschaftlich wirksam und politisch sensibel. Eine erfolgreiche Politik verbindet technische Maßnahmen mit rechtlich und finanziell abgesicherten Instrumenten zur Wohnungs- und Sozialpolitik — nur so lassen sich Klimaresilienz und soziale Nachhaltigkeit zugleich sichern.

Die Nutzungsrechte wurden The Property Post zur Verfügung gestellt von KPC Berlin GmbH
Erstveröffentlichung: The Property Post, Januar 2026

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